Vom Umgang mit der Armut

Soziales: Ideenbörse und Podiumsdiskussion beleuchten am 27. Januar Spannungsfeld von staatlichen und privaten Hilfen

KREIS BERGSTRASSE.

Gemeinsam gegen Armut vorgehen wollen der Kreis Bergstraße und die Liga der freien Wohlfahrtspflege im Kreis Bergstraße. Eine kritische Bestandsaufnahme ergänzender Armutsinitiativen steht am 27. Januar (Mittwoch) bei einer Fachtagung im Lorscher Museumszentrum auf dem Programm.

Nichts symbolisiert die wachsende Armut in Deutschland derart wie der Zuwachs an Tafeln: Verteilten im Jahr 1994 bundesweit vier sogenannte Tafeln gespendete Lebensmittel an Bedürftige, widmen sich mittlerweile in mehr als 800 Städten und Gemeinden verschiedene Organisationen dieser Aufgabe. Vielen Menschen, die mit ihrem knappen Geld sonst überhaupt nicht über die Runden kämen, helfen die mit großem ehrenamtlichen Engagement betriebenen Tafeln, sagte Martin Fraune vom Caritasverband gestern bei einem Treffen der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Kreis Bergstraße im Landratsamt. Fraune fungiert derzeit als Sprecher der fünf Verbände. Doch gegen die Tafeln und andere ehrenamtliche Hilfen für arme Menschen gibt es mittlerweile auch Einwände, wie Fraune erläuterte: Kritiker befürchteten, dass die Alimentierung eher zur Verfestigung der Armut beitrage, die Nutzer dauerhaft auf freiwillige Hilfen angewiesen blieben und der Staat sich weiter aus der sozialen Verantwortung zurückziehen könnte. Auf Dauer könnten sich dann die ehrenamtlichen Kräfte missbraucht fühlen und sich enttäuschtabwenden. Kritisch sehen die Verbände auch die sogenannten Hartz-IV-Gesetze, die mittlerweile seit fünf Jahren gelten. Insbesondere die Regelsätze für Kinder seien viel zu gering, so Fraune. Nach einem entsprechenden Bundesverfassungsgerichtsurteil warte man auf eine Neuregelung.Diesem Spannungsfeld zwischen staatlichen und privaten Hilfen widmet sich eine Fachtagung mit Ideenbörse am Mittwoch (27.), die der Kreis Bergstraße gemeinsam mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Lorscher Museumszentrum organisiert. ,,Ergänzende Armutsinitiativen und was diese bewirken”, lautet das Thema. Hintergrund ist das europäisches Jahr der Armutsbekämpfung , wie der Erste Kreisbeigeordnete Thomas Metz (CDU) erläuterte. Ziel sei es, sich der wichtigen gesellschaftlichen Herausforderung zu stellen, die Vernetzung der beteiligten Initiativen und Verbände zu intensivieren und das Thema öffentlich wahrnehmbar zu machen. Das staatliche Leistungssystem alleine könne aber die Armutsbekämpfung nicht gewährleisten, schränkte Metz ein.Ein Grundsatzreferat zum Thema ,,ergänzende Armutsinitiativen” hält ein echter Fachmann: Wolfgang Gern ist Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau und Sprecher der Nationalen Armutskonferenz . Bei der anschließenden Podiumsdiskussion, die von dem Journalisten Karl-Heinz Schlitt moderiert wird, prallen verschiedene Welten aufeinander: Neben Gern und Metz nehmen Rudolf Bonerz von der Tafel in Bensheim und Hendrik Raekow vom Diakonischen Werk teil. Peter Hetzler vertritt die Arbeitsloseninitiative ,,Andere Wege”. Gesucht werden noch ein Klient der Schuldnerberatung und ein Kunde einer Tafel. Es gebe eine große Scham sich als Nutzer solcher Einrichtungen zu outen, sagte Fraune. Zum Schluss präsentiert das DRK Biblis mit seiner Kleiderkammer und dem Kleiderladen eine Modenschau mit Second-Hand-Kleidung.Am Rand der Veranstaltung von 16 bis 20 Uhr können sich die Initiativen mit Infoständen vorstellen und gegenseitige Kontakte knüpfen. Das funktioniere auf kleiner Ebene schon sehr gut, betonte Raekow. Neulich habe es einen Rundruf zwischen den Tafeln wegen einer größeren Lieferung von Edeka gegeben. ,,Wir haben Nudeln und können abgeben”, lautete das Motto.Zuvor hatte Metz in seiner Funktion als Sozialdezernent dargelegt, wie der Beitrag des Kreises zur Armutsbekämpfung aussieht. Im Mittelpunkt stehe die Vermittlung von Chancen bei Bildung und Arbeitssuche, betonte Metz. Bildungschancen müssten unabhängig von sozialer Herkunft und wirtschaftlichem Hintergrund zugänglich sein, unterstrich der CDU-Politiker. Diesem Ziel diene beispielsweise der Ausbau des familienfreundlichen Kreises Bergstraße mit festen Öffnungszeiten für Grundschulen, die in zwei bis drei Jahren flächendeckend gelten sollen. Demselben Zweck dienten die Sanierung aller 74 Schulen im Kreis, die Erneuerung der naturwissenschaftlichen Ausstattung und der Ausbau des erfolgreichen Schub-Modells (Schule und Beruf) in Hauptschulen. Dem Eigenbetrieb Neue Wege sei es gelungen, die Zahl der Hartz-IV-Empfänger unter 25 Jahren in drei Jahren von mehr als 1000 auf 250 zu senken. Außerdem sei mit den Verbänden die Schuldnerberatung mit 70 000 Euro ausgebaut worden. Durch Qualifizierungsmaßnahmen würden Möbelkaruselle unterstützt. Neuester Beitrag ist die Schulung von Energieberatern, die den Bedarfsgemeinschaften helfen sollen, sparsamer mit der teuren Ressource umzugehen.

quelle: echo online

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