Odenwaldschule _ brief an altschüler (dokument)

Brief an die Altschüler 

Liebe Altschülerin, lieber Altschüler,

sehr geehrte Damen und Herren,

seit geraumer Zeit beschäftigt uns ein Problem, dessen Ausmaß und Tragweite jedoch erst in den letzten Wochen voll zutage getreten ist. Es geht um sexuelle Übergriffe, denen Schülerinnen und Schüler in den 1970er und 1980er Jahren leider auch in der Odenwaldschule ausgesetzt waren.

Im Herbst 2008  haben sich ehemalige Schüler der Odenwaldschule, die direkt oder indirekt von sexuellen Übergriffen betroffen waren, an die Schulleitung gewandt und als Schwerpunkt bei den Feierlichkeiten eine intensive Aufarbeitung der Vorkommnisse in der 1980er Jahren gefordert. Im Rahmen dieser Gespräche, die unter der Moderation eines Diplom-Psychologen im Laufe des letzten Jahres in Frankfurt stattfanden, wurde etwas deutlich, was in der Odenwaldschule bis dahin viele nicht gewusst hatten: dass die sexuellen Übergriffe nicht allein in den 1980er Jahren, sondern auch bereits in den 1970er Jahren stattgefunden hatten.

Einige Schüler haben in diesem Zusammenhang direkt den Kontakt zur Schulleitung gesucht, andere wurden angesprochen, wiederum andere haben sich an eine ehemalige Schülerin gewandt, die sich mit großem Engagement und Einfühlungsvermögen darum bemüht, mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Von anderen Ehemaligen wissen wir, dass auch sie Übergriffen ausgesetzt waren, sich aber bislang gegenüber der Schule nicht geäußert haben. Einige mutige ehemalige Schüler haben inzwischen das Schweigen gebrochen und detailliert von den schrecklichen Grenzverletzungen berichtet, die sie auf der Odenwaldschule erlebt haben. So bekommen wir langsam eine Ahnung von dem Leid, das jungen Menschen damals hier zugefügt worden ist.

Diese Schilderungen unserer ehemaligen Schüler haben uns zutiefst erschüttert und beschämt. Nichts kann das erlittene Unrecht wieder gut machen, keine Entschuldigung wird das Erlebte ungeschehen machen. Dennoch ist es mir ein großes persönliches Anliegen, im Namen der Odenwaldschule die Menschen, denen hier solches Unrecht angetan wurde, um Entschuldigung und um Verzeihung zu bitten. Das Ausmaß der Vergehen macht uns fassungslos und sprachlos und stellt uns vor die Frage, wie die Odenwaldschule so viele Jahre für viele Schülerinnen und Schüler zur zweiten Heimat werden konnte, ohne dass diese Übergriffe aufgearbeitet wurden?

So stehen nun alle, die in der Odenwaldschule leben und arbeiten, wenige Monate vor dem großen Fest vor der Frage: Wie können wir 100 Jahre Odenwaldschule feiern, wenn mindestens 15 Jahre lang an dieser Schule Jungen und Mädchen von sexuellen Übergriffen bedroht oder Opfer von Missbrauch geworden sind? Wie können wir ein Jubiläum begehen angesichts eines Unrechts, das in unserer Schule jungen Menschen zugefügt und nie gesühnt wurde? Vor allem aber: Wie können wir mit möglichst vielen betroffenen Altschülern ins Gespräch kommen, um gemeinsam diese finstere Vergangenheit aufzuarbeiten?

Deshalb möchte ich Sie bitten, mit der Odenwaldschule in Kontakt zu treten, wenn Sie selbst Opfer von Übergriffen waren oder in irgendeiner Form Zeuge solchen Unrechts geworden sind. Als externe Ansprechpartnerin haben wir zusätzlich Frau Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller, Wiesbaden, beauftragt, den Aufarbeitungsprozess zu begleiten.

Frau Burgsmüller ist Strafrechtlerin und auf die Vertretung von Männern und Frauen sowie Kindern, die (sexuelle) Grenzüberschreitungen bzw. sexuellen Missbrauch erlebt haben, spezialisiert. Sie können sich an sie wenden, ihr Informationen über Ihr Erleben oder Ihre Wahrnehmungen in Bezug auf Mitschüler und Lehrende mitteilen und sich beraten lassen. In dem durch die anwaltliche Schweigepflicht geschützten Gespräch (oder schriftlichen Kontakt per e-Mail) können Sie klären, ob Ihre Angaben unter Ihrer Namensnennung oder anonym an die Schulleitung weitergegeben werden sollen. Die Kontaktdaten lauten:

Rechtsanwältin

Claudia Burgsmüller

Spiegelgasse 9

65183 Wiesbaden

fon: 0611 – 373258

fax: 0611 – 308011

Als Leiterin der Odenwaldschule sichere ich Ihnen zu, dass wir alles tun werden, um den Betroffenen bei der Bewältigung dieser traumatischen Erfahrungen zu helfen. Gleichzeitig verpflichten wir uns, unsere Strukturen und unseren Alltag auf die Verletzung von Generationsgrenzen hin zu prüfen und mit großer Achtsamkeit und Sorgfalt das Thema des sexuellen Missbrauchs gemeinsam mit Mitarbeitern und Schülern zu bearbeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Margarita Kaufmann

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anmerkungen von ffduseh

mehr zur missbrauchsdebatte:

 http://www.faz.net/s/Rub79FAD9952A1B4879AD8823449B4BB367/Tpl~Epartner~SRss_.xml  http://www.spiegel.de/thema/kindesmissbrauch/index.rss /// mehr zur odenwaldschule auf echo online // amelie fried in der faz : \“die rettende hölle\“ \\ tilman jensi m spiegel, auch die sexuelle revolution hat ihre kinder gefressen

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