München/Erfurt, 13. September 2011 An die Kirchen der Reformation

zur Diskussion:

Offener Brief der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche an die Kirchen der Reformation zum Papstbesuch 2011

 Sehr geehrte Damen und Herren, Geschwister im Glauben an Christus,

 der Besuch von Papst Benedikt XVI. am 23. September 2011 im Erfurter Augustinerkloster, in dem Martin Luther von 1505 bis 1511 – also vor genau 500 Jahren – als Mitglied der damals noch einen Kirche Mönch war, wird spektakuläre Bilder liefern und sicher Eingang in die Geschichtsbücher finden. Allerdings sind für das Gespräch nur 35 Minuten eingeplant, zuerst war noch weniger Zeit vorgesehen. Als katholische Reformbewegung bedauern wir sehr, dass die Erwartungen an dieses Treffen von offizieller katholischer Seite schon vorher gedämpft worden sind. Wir appellieren deshalb an alle Teilnehmenden: Trotz der Kürze dieser Begegnung darf es nicht nur bei gegenseitigen Wohlwollensbekundungen bleiben, sondern es muss ein wirklicher Dialog auf Augenhöhe eröffnet werden, um endlich die Ökumene mit den Kirchen der Reformation einen Schritt voranzubringen. !“ Die Christinnen und Christen in Deutschland erwarten, dass die römisch-katholische Kirche endlich die Kirchen der Reformation als Kirchen und gleichberechtigte Geschwister anerkennt, so wie der Papst Präses Nikolaus Schneider in einem Brief als „Lieber Bruder in Christus“ angesprochen hat. Die Erklärung „Dominus Iesus“ (im Jahr 2000 von Joseph Ratzinger als damaligem Präfekten der Glaubenskongregation verantwortet und im Jahr 2007 von ihm als Papst bestätigt) muss an diesem Punkt revidiert werden. Die Kirchen der Reformation sind keine Kirchen zweiter Klasse, sondern stehen genauso in der 2000-jährigen Tradition und Verantwortung für die Weitergabe der jesuanischen Botschaft. !“ Die Christinnen und Christen in Deutschland erwarten mehr als theoretische Klärungsversuche des unterschiedlichen Kirchenverständnisses. Die offiziellen und inoffiziellen ökumenischen Gespräche und Dialoge, die bereits seit Jahrzehnten unternommen werden, haben hinreichende Klärungen gebracht. Jetzt erwarten wir sichtbare Zeichen, wie Papst Benedikt sie am Tag nach seiner Wahl auch angekündigt hatte. Nach der im Jahr 2007 in Magdeburg vereinbarten wechselseitigen Anerkennung der Taufe gehört jetzt die Gastfreundschaft bei Eucharistie und Abendmahl zu den Fragen, die am dringendsten zu klären sind. Vor allem konfessionsverschiedene Eheleute haben ein Recht auf eine für sie würdige Regelung, die es in anderen Ländern schon gibt. Hier ist ein klares Wort des Papstes gefragt, wie es auch der Catholica-Beauftragte der ev.-luth. Kirche, Landesbischof Dr. Friedrich Weber, erwartet. – 2- – 2 – !“ Die Christinnen und Christen in Deutschland erwarten, dass der Papst nicht nur etwas über den von Glaubenszweifeln geplagten „katholischen“ Luther sagt, sondern auch seine spätere, aus der Schrift begründete Kritik an der damaligen Kirchenverfassung und Glaubenspraxis als berechtigt anerkennt: den unberechtigten päpstlichen Machtanspruch, den von Rom geförderten Ablasshandel und die Fiskalisierung des gesamten kirchlichen Systems. Ebenso sind Luthers Verdienste, die bis heute auch in der römisch-katholischen Kirche fortwirken, anzuerkennen und zu würdigen. Man denke an die Rechtfertigungslehre, an die Bedeutung der Heiligen Schrift, an seinen Appell an die „Freiheit eines Christenmenschen“ und an die ständige Erneuerungsbedürftigkeit der Kirche. Leider wird der Papst die Orte der Reformation in der Stadt Wittenberg nicht besuchen. Das wäre ein noch stärkeres Zeichen der Ökumene gewesen. !“ Die Christinnen und Christen in Deutschland sehen die Fragen rund um Abendmahl und Eucharistie, um Zölibat, um ein schriftgemäßes Amtsverständnis sowie Frauen im priesterlichen Dienst nicht mehr als rein innerkatholische, sondern als gesamtkirchliche Themen an. Sie betreffen die Glaubwürdigkeit der Kirchen und des Christentums insgesamt. Von daher haben Sie als Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen der Reformation durchaus das Recht und sogar die Pflicht, in geschwisterlicher Fürsorge kritische Anfragen an die derzeit geltende Lehre und geübte Praxis der römisch-katholischen Kirche zu stellen. Die unversöhnten Trennungen der christlichen Kirchen machen unser gemeinsames Zeugnis vor anderen Religionen und vor der Welt unglaubwürdig. Im Hinblick auf die vielfachen Herausforderungen der heutigen Zeit darf es nicht mehr um die Abgrenzung und Profilierung der einzelnen Kirchen untereinander gehen, sondern um die Profilierung des Christentums als Ganzes, wenn wir den Auftrag Jesu „dass alle eins seien“ (Joh 17, 21f.) erfüllen wollen. In der Hoffnung, dass die Kirchenleitungen und das Kirchenvolk aller Kirchen gemeinsam und in wechselseitigem Respekt unbeirrt den Weg der Ökumene weiter vorangehen mögen und tun, was uns eint, grüßen wir alle Teilnehmenden der Begegnung am 23. September 2011.

Eva-Maria Kiklas, Präsidiumsmitglied des 1. Ökumenischen Kirchentages für Wir sind Kirche

und das Bundesteam der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche

Sigrid Grabmeier

Wilma Kaegebein

Georg Kohl

 Magnus Lux

Gisela Münster

Christian Weisner


quelle: http://www.wir-sind-kirche.de/files/1535_Offener%20Brief%2020110913.pdf

zum papstbesuch: http://www.wir-sind-kirche.de/?id=603  / http://www.spiegel.de/thema/papst_besuch_deutschland_2011/                                                         http://www.papst-in-deutschland.de/

 

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