Stolpersteine als Chance einer „neuen“ Gedenkkultur_warum Stolpersteine sinnvoll sind

Stolpersteine waren und sind wohl nicht unumstritten.Die Proargumente überwiegen allerdings.  Das meint auch sinngemäß der FreibÄrger in einem Artikel aus dem Jahre 2009, den wir hier mit freundlichen Genehmigung der Redaktion  dokumentieren:

quelle :  http://www.freibaerger.org/2009/06/stolpersteine-als-chance-einer-neuen-gedenkkultur/

Stolpersteine als Chance einer “neuen” Gedenkkultur

“Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.” Gunter Demnig

Stolpersteine sind kleine Gedenktafeln im Straßenpflaster vor Wohnhäusern. Sie erinnern somit an den letzten Wohn- oder Wirkungsort von Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, vor deren Deportation, Vertreibung und Verfolgung. Bei den Stolpersteinen handelt es sich um kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, die niveaugleich in das Pflaster eingelassen werden. Auf der Oberseite der Steine befindet sich stets eine individuell beschriftete Messingplatte. Die Beschriftung beginnt in der Regel mit den Worten “hier wohnte”, bevor weitere persönliche Angaben wie Name, Geburtsjahr, Jahr der Deportation folgen. Für 95 Euro kann eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines solchen Steines übernommen werden.

Mittlerweile liegen mehr als 17.000 Stolpersteine in über 400 Orten Deutschlands, aber auch in Orten in Österreich, Ungarn, Tschechien, Polen, der Ukraine und in den Niederlanden sind diese bereits eingelassen worden. Initiiert wurde und weiterhin durchgeführt wird das Projekt Stolpersteine durch den Kölner Künstler Gunter Demnig (Verweis auf die Homepage http://www.stolpersteine.com). Das Projekt begann 1995 als Demnig probeweise und ohne Genehmigung erste Stein in Köln verlegte. Nach langwierigen bürokratischen Prozessen konnten die Steine ab 2000 legal verlegt werden und entwickelten sich in der Folgezeit zum größten dezentralen Mahnmal. Der Künstler Demnig ist für sein Projekt und deren langjährige Fortführung u.a. 2008 von Innenminister Schäuble als “Botschafter für Demokratie und Toleranz” geehrt worden.

In Freiberg sind u.a. durch das Engagement der Initiativgruppe des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland (CJD) erstmals im Juni 2007 Stolpersteine verlegt worden. (Verweis auf Homepage: www. juden-in-Mittelsachsen.de) Stolpersteine finden sich nunmehr in der Kesselgasse, der Poststraße oder in der Heinrich-Heine-Straße.

Verlegt werden die Stolpersteine stets durch Demnig persönlich, der nunmehr auf Initiative der Bürger tätig wird. So sind es neben Anfragen von Bürgern, oftmals auch Anfragen von Überlebenden, die sich Gedenktafeln für ihre getöteten Familienmitglieder wünschen.

Trotz der Popularität des Projektes sind Stolpersteine in der Vergangenheit auch Gegenstand von Schändungen geworden, indem sie mit Farbe übermalt, mit Teer übergossen oder über Nacht aus dem Boden herausgerissen werden. Von besonderer Dreistigkeit ist der Widerstand eines bekannten Neonazis und bekennenden Holocaust-Leugners in Zossen. Dieser erwarb in Unkenntnis ein ehemals jüdisches Wohnhaus, vor dessen Eingang Stolpersteine an die ehemaligen jüdischen Bewohner, die im Konzentrationslager Theresienstadt umgekommen sind, erinnern. Der Neonazi, der sich zur “Gedenkknetschaft” gezwungen fühlte, verdeckte die Steine zunächst mit einem Bierkasten und anschließend mit einem Tannenbaum. In beiden Fällen wurde dem schändlichen Verhalten jedoch Einhalt geboten – im ersten Fall wehrte sich die Brauerei, gegen die Verwendung ihres Bierkastens als Verdeckung und drohte rechtliche Schritte an; im zweiten Fall genehmigte die Stadt die Aufstellung eines Tannenbaums zur Weihnachtszeit, allerdings nur mit der Auflage, dass der Bereich der Stolpersteine freizubleiben habe.

Neben diesem gewalttätigen und plumpen Widerstand gegen die Stolpersteine, gibt es jedoch auch eine Vielzahl von kritischen Stimmen, die sich gegen die Verlegung von Stolpersteinen aussprechen. Die wohl bekannteste Auseinandersetzung über das Für und Wider der Verlegung der Stolpersteine hat es in der bayrischen Landeshauptstadt gegeben. Der Münchener Stadtrat hatte bereits 2004 ein generelles Stolperstein-Verlegeverbot beschlossen und war dabei dem Wunsch der jüdischen Gemeinde gefolgt, deren prominentestes Mitglied Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden und Chefin der Münchener Gemeinde, die Stolpersteine als “unerträglich” empfindet, ist. Das Verlegeverbot gipfelte allerdings im Eklat als die Stadt München im Sommer 2008 die Stolpersteine, die zum Gedenken an die in der Zeit des Nationalsozialismus getöteten Eltern von Peter Jordan, unmittelbar nach deren Einsetzung wieder herausreißen ließ. Jordan, der sich die Stolpersteine als Gedenksteine für seine Eltern explizit gewünscht hatte, war über das Vorgehen derart enttäuscht und entrüstet, dass er sich – quasi im Gegenzug – das Aufführen der Namen seiner Eltern auf den Gedenktafeln im neuen jüdischen Gemeindezentrum verbat.

Inhaltlich bezog sich dieser Streit zweier Holocaust-Überlebender, der zum Großteil auch über die Medien geführt wurde, auf die “richtige” Art und Weise des Gedenkens an die Opfer. Es stellt sich in diesem Zusammenhang zunächst die Frage, warum streiten zwei Überlebende des Holocaust über die “richtige” Art des Gedenkens. Eine Annäherung an diese Frage des Warum kann gelingen, wenn man sich mit den Anforderungen und Erwartungen an die Erinnerungskultur auseinandersetzt. Fragen, ob eine Institution eine “Erinnerungsautorität” inne habe oder es gar die Möglichkeit des “optimalsten” Gedenkens gebe, erfordern ihr durchdenken. Eine Auseinandersetzung mit der geschilderten Problematik soll durch einen “Pro” – “Contra” Stolpersteine-Artikel ermöglicht werden:

Contra

Mag auch die zu befürwortende Intention des Künstlers Demnig und die der sich engagierten Bürgerschaft außer Frage stehen, so darf dabei nicht übersehen und insbesondere nicht unterbewertet werden, dass die Stolpersteine im Straßendreck liegen; Hunde können darauf urinieren und Nazis können darauf herumtrampeln. Durch diese Verewigung im Straßenschmutz kann den Menschen, an die und deren Schicksale gedacht werden soll, ein weiteres Mal die Würde genommen werden. Das Gedenken an die Opfer, welches in Stille und einer ehrwürdigen Atmosphäre erfolgen sollte, wird in den Straßenstaub und in den Straßenlärm verlagert.

Ein weiterer Kritikpunkt ist wohl die Gefahr, dass Gedenkkultur, durch die Möglichkeit Gedenken durch den Erwerb eines Stolpersteines für “nur” 95€, kommerzialisiert wird. Durch die Internetpräsenz des Künstlers kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass Gedenken zum Kauf angeboten wird. Jedoch sollte man an dieser Stelle hervorheben und nicht übersehen, dass der Verlegung in der Regel gewissenhafte ortsgeschichtliche Recherchen durch die Paten der Stolpersteine vorausgehen.

Stolpersteine führen jedoch zwangsläufig zu einer Inflationierung der Gedenkstätten. Dies ist nicht wünschenswert – denn Gedenkstätten sollen gerade Orte sein, an welche man sich bewusst begibt. Gedenktage und Gedenkstätten, die einen besonderen ehrenvollen Rahmen und oftmals umfassende Hintergrundinformationen bieten, stehen nicht länger derart im Fokus, wie es erforderlich wäre.

Diese Verlagerung führt auch zu einer gewissen Beliebigkeit des Gedenkens. Denn die Stolpersteine, die den Passanten jeden Tag und beliebigen Orten in der Stadt “unter die Füße” kommen, werden nicht mehr wahr genommen. Die Schicksale der Opfer, an die erinnert werden soll, werden dadurch zur alltäglichen Normalität, so dass eine Auseinandersetzung mit und ein Bewusstsein für die Verbrechen der Nationalsozialisten, gerade nicht gefördert wird. Die Passanten der Stolpersteine “gewöhnen” sich an die Steine, anstatt daran zu stolpern. Es ist wohl eine rhetorische Frage, ob die Würde der Opfer eine andere Behandlung erfordert.

Pro

Ja – Stolpersteine liegen genau wie Pflastersteine im Straßendreck. Dieser Kritikpunkt an dem Stolpersteinprojekt ist sicherlich nachvollziehbar. Aber trotz dieser “äußerlichen” Kritik darf nicht übersehen werden, dass Gedenken letztlich ein innerlicher Prozess ist. Dies bedeutet, dass auch die ehrenvollste Gedenkstätte das würdige Gedenken der Besucher bedarf und zwar in dem Sinne, dass die Besucher auch gedanklich bereit sind ein bewusstes Gedenken an die Opfer zu wagen. Die Gefahr der gedanklichen Untätigkeit, des beiläufigen Besuchens, ist zweifelsohne auch bei einer “offiziellen” Gedenkstätte gegeben und somit nicht spezifisch für Stolperstein-Mahnmale.

Stattdessen sollte berücksichtigt werden, dass zentrale Gedenkstätten dazu beitragen, die Opfer an Ort und Stelle des gesellschaftlichen Lebens zu verdrängen. Mit zentralen Gedenkstätten wird die Chance vertan unserer heutigen Gesellschaft vor Augen zu führen, dass die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes gerade nicht Fremde oder Ausgeschlossene waren, sondern Nachbarn und Arbeitskollegen. Zudem erwecken – überspitzt formuliert – zentrale Gedenkstätten auch den Eindruck einer zentralen Kranzabwurfstelle. In der Namensflut der Gedenktafeln gehen die Schicksale einzelner unter – sie verklumpen gar zu einer abstrakten Opfermasse. Vor allem vor diesem Hintergrund bieten Stolpersteine eine besondere Möglichkeit des Gedenkens. Sie machen Einzelschicksale und deren willkürliche Wendung nach der nationalsozialistischen Machtübernahme greifbarer. Sie machen sichtbar an welchem Ort ein Mensch willkürlich und aus menschenverachtenden Motiven aus seinem Haus, aus seinem bisherigen Leben herausgerissen worden ist.

Schließlich darf nicht übersehen werden, dass jede Gedenkstätte, die der Öffentlichkeit übergeben wird, das Gedenken den der Gedenkstätte begegnenden Bürgern überlässt. Man denke in diesem Zusammenhang nur einmal an das Holocaust-Mahnmal in Berlin, welches von einem Teil der Besucher als Mahnmal empfunden und gewürdigt wird, während ein anderer Teil die Betonstelen als überdimensionalen Spielplatz zum Versteckspiel nutzt. Dies soll nicht als generelle Kritik verstanden werden, sondern nur deutlich machen, dass Gedenkstätten nicht mehr als ein Angebot oder eine Anregung zum Gedenken ermöglichen sollten. Ein solches Angebot stellen auch die Stolpersteine an die vorbeieilenden Passanten dar. Alles andere ist eine Frage der aufrichtigen Angebotsannahme.

Das Projekt und die verlegten Stolpersteine sollten daher als Chance begriffen werden, die Menschen im Alltag abzuholen und somit ein öffentliches Gedenken zu ermöglichen: Passanten, die vor einem Stolperstein stehen bleiben und sich bücken, um die Aufschrift zu lesen, erwecken die Aufmerksamkeit der übrigen Passanten. Besucher einer Gedenkstätte können dagegen nicht derart öffentlich wahrgenommen werden. Gedenken braucht immer neue Anstöße – Stolpersteine sind als solche (Ge-)Denkanstöße tauglich; ganz unabhängig davon, dass sie “nur” im Straßenpflaster verlegt sind.

Fazit

Vor allem, wenn man sich die Argumente gegen die Verlegung von Stolpersteinen vergegenwärtigt, drängt sich eine Frage auf: Kann es tatsächlich ein gutes oder gar besseres Gedenken geben?! Es gibt wohl keine Erinnerungsautorität und so sollte jedem und jeder seine Art des Gedenkens ermöglicht werden soweit und solange sie der Würde der Opfer und dem Gedenkwunsch deren überlebender Angehöriger entsprechen kann.

Autor: Klara Liechtenstein
Erschienen in Ausgabe #66, Thema

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