Zwangsarbeit im Volksstaat Hessen….zur Quellenlage….

aus Digitales Archiv Hessen Darmstadt:

……………..Im Gebiet des bis 1945 formal bestehenden „Volksstaats Hessen“  waren ca. 130.000 Männer und Frauen zwangsweise in Landwirtschaft und Industrie, bei Staatsbetrieben (wie der Reichsbahn), bei Kommunen und Kirchen tätig. Reichsweit waren 1944 etwa 25% der in der Wirtschaft Beschäftigten Zwangsarbeiter (in der Landwirtschaft 40%, in der Rüstungsindustrie zwischen 30 – 60%). Die genauen Zahlen für Hessen sind nicht feststellbar, einmal, weil einerseits die Unterlagen z. T. fehlen, andererseits eine systematische Erforschung noch kaum begonnen hat. Unterlagen vielfältigster Art über Meldung, Beschäftigung und Kontrolle ausländischer Arbeitskräfte sind gleichwohl bei den Kommunen und dem Hessischen Staatsarchiv Darmstadt (aus der Überlieferung der Landkreise, der Justiz- bzw.- Justizvollzugsbehörden, der Gefangenenanstalten und anderer Behörden wie z.B. den Forstverwaltungen) vorhanden. Aus ihnen ergibt sich, dass auf die Dörfer pro Landkreis zwischen 15. und 25.000 Menschen verteilt waren; in kleineren Städten wie Friedberg und Bad Nauheim waren es jeweils 5.000 Menschen, in Darmstadt etwa 27.000. Dabei spielen auch die Nachkriegszeugnisse eine wichtige Rolle, denn im Rahmen der von der Militärregierung verfügten und von den deutschen Behörden 1946-1950 umgesetzten Ausländer-Suchaktion wurden zahlreiche Listen angefertigt, die den Ausländer-Arbeitseinsatz nach Nationalitäten und Orten gegliedert dokumentieren…………………..

…………………….Jüdische Zwangsarbeiter sind im Volksstaat Hessen zunächst im Rahmen des sog. „geschlossenen Arbeitseinsatzes“ ausgebeutet worden. Ab Ende 1938 wurde eine Arbeitspflicht für alle jüdischen Arbeitslosenunterstützungsempfänger eingeführt, die im Frühjahr 1940 zum Arbeitszwang für alle deutschen Juden ausgedehnt wurde. Auch in Darmstadt ist dieser Übergang von einem zunächst improvisierten Abkommandieren zum Schneeräumen (Winter 1939/40) und zum Autobahnbau zu einem schließlich zwangsweisen Einsatz auch von Frauen – auch in Mainz und Frankfurt – auf Gestapo-Befehl im Herbst 1940 festzustellen. Nach den Deportationen des Jahres 1942/43 aus dem Volksstaat Hessen von Darmstadt aus nach Polen und Theresienstadt, wurden noch in Darmstadt verbleibende jüdische Männer und Frauen aus „Mischehen“ mit nichtjüdischen Partnern wiederholt zu Arbeitseinsätzen befohlen. Die Darmstädter Restgruppe von etwa 40 Personen wurde im Laufe des Jahres 1943 systematisch durch – meist unter fadenscheinigen Vorwänden begründete – Verhaftung zunächst ins „Arbeitserziehungslager“ Heddernheim verbracht. Viele der durchweg älteren Männer starben dort an den Lebensbedingungen, so der 71jährige Oberlandesgerichtsrat a. D. Dr. Ernst Mayer oder der fast gleichaltrige Regierungsbaumeister Eduard Wolfskehl. Für andere, wie den Ingenieur Rudolf Engelmann oder den Kaufmann Alexander Haas, war Heddernheim nur Zwischenstation auf dem Weg nach Theresienstadt, Buchenwald oder Auschwitz. Von August bis November 1944 wurden 1.700 jüdische Frauen aus Ungarn aus dem Lager Auschwitz für schwerste Bauarbeiten auf dem Gelände des Frankfurter Flughafens eingesetzt, dann in das KZ Ravensbrück und andere Lager transportiert. Nur etwa 330 dieser Frauen überlebten den Krieg. …………………

…………..Aus den Akten sind Fragen der Unterbringung der Zwangsarbeiter in Privathaushalten oder in Lagern einschließlich der Planung und Durchführung von Barackenbauten bis hin zur seelsorgerischen Betreuung der von „deutschen Gottesdiensten“ ausgeschlossenen Menschen ebenso nachvollziehbar wie auch Formen medizinischer Überwachung. Dabei ergibt sich u.a., dass die NS-Behörden weniger Gesundheitsschäden der im Arbeitseinsatz stehenden Ausländer als vielmehr eine von den Russen ausgehende Seuchengefahr (u.a. Fleckfieber) befürchteten. Folgerichtig entstanden ab 1942 in allen Kreisen „Entlausungsanstalten“ für ausländische Arbeitskräfte. ………..

…………Bei den süd- und oberhessischen Amtsgerichten gingen unzählige Strafbefehle gegen ausländische Arbeitskräfte ein (fast ausschließlich Polen und Ukrainer), die wegen der „Massendelikte“ des „unerlaubten Verlassens der Aufenthaltsorte“ sowie des „Nichttragens des Nationalitätenkennzeichens“ („P“ bzw. „OST“) anfangs mit geringen Geldbußen belegt wurden, mit zunehmender Kriegsdauer aber gar als „Verbrecher“ in KZ-ähnliche „Arbeitserziehungslager“ eingewiesen wurden. Sehr scharf wurden sexuelle Beziehungen zu Deutschen kontrolliert, wobei die Ahndung der Verbote rassistisch gestuft war. Für Kriegsgefangene aus westlichen Ländern waren Militärgerichte zuständig, bei „Ostarbeiter“ und Polen – gleichgültig ob Kriegsgefangene oder „Zivilarbeiter“ die Gestapo. Die deutschen Männer oder (überwiegend) Frauen wurden vor dem Sondergericht Darmstadt wegen „verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen“ wie auch „mit Zivilarbeitern“ angeklagt und mit Zuchthaus und Ehrverlust bestraft. ………….unbedingt weiterlesen auf: Digitales Archiv Hessen Darmstadt

aus dem Bestand des Staatsarchivs Darmstadt:

Dokumentenliste

HStAD: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt
StadA: Stadtarchiv Darmstadt

  • Dokument 1
    Briefumschlag einer Anfrage an den Oberbürgermeister von Darmstadt, 15. März 2002 (StadtA)
  • Dokument 2
    Brief von Olga S., damals 14 Jahre, Zwangsarbeiterin in Darmstadt und Messel 1943 – 1945.
  • Dokument 3
    Foto von drei ukrainischen Zwangsarbeiterinnen auf dem Luisenplatz, ca. 1942 (StadtA)
  • Dokument 4
    1943 erschien eine Broschüre der (Geheimen Staatspolizei) Gestapo Darmstadt, die die Maßnahmen zur Kontrolle der Zwangsarbeiter zusammenfasste. Die polizeilich-totalitäre Überwachung wie die rassistische Aufteilung der Menschen werden deutlich formuliert. (Privatbesitz)
  • Dokument 5
    Peter K. aus Kiew, 20 Jahre, Zwangsarbeiter mit dem vorgeschriebenen „OST“-Abzeichen. (HStAD G 15 Friedberg Q 610)
  • Dokument 6
    Die zweitstärkste Gruppe der Zwangsarbeiter, die Polen, unterlagen den schärfsten Diskriminierungen, wie aus diesem „Merkblatt“ hervorgeht. (HStAD G 15 Friedberg Q 330)
  • Dokument 7
    Das Nichttragen der diskriminierenden Kennzeichen wurde zunächst mit Geldstrafen geahndet. (HStAD G 28 Groß-Gerau ST 203)
  • Dokument 8
    Im Wiederholungsfall, d.h. wenn ein Zwangsarbeiter Selbstbewusstsein zeigte, konnten die Strafen bis zur Einweisung in ein „Arbeitserziehungslager“ – einer Vorstufe zum KZ – gehen; die dortige brutale Behandlung zeigt der tragische Fall des Les Andrzej. (HStAD G 28 Darmstadt St 62)
  • Dokument 9
    Die rassistische Diskriminierung ignorierte selbst vorbildliches Verhalten, wie dieser fast groteske Fall aus dem Dörfchen Semd zeigt. (HStAD G 15 Dieburg A 84)
  • Dokument 10
    Die 19jährige russische Zwangsarbeiterin Maria L. wurde aus ihrem Arbeitsort im Landkreis Darmstadt in das KZ Ravensbrück geschickt, weil sie eine sexuelle Beziehung zu einem Deutschen hatte. (HStAD G 15 Dieburg Q 274)
  • Dokument 11
    Angesichts dieser Lebens- und Arbeitsverhältnisse bedeutete das Kriegsende, die deutsche Niederlage, für die Zwangsarbeiter wirklich eine Befreiung, wie aus dem Brief von Frau Tensile K. aus der Ukraine hervorgeht, den sie 2001 an den Oberbürgermeister von Darmstadt schrieb. (HStAD)
  • Dokument 12
    Befreite polnische Zwangsarbeiter ziehen einen Tag nach der Besetzung Darmstadts am Marktplatz an amerikanischen Soldaten vorbei, 26. 3. 1945. (Foto: Kenneth Elk, US-Army Signal Corps – StadtA)
  • Dokument 13
    Im Mai 1995 wurde eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Leiden der Zwangsarbeiter am Darmstädter Hauptbahnhof, an dem für die meisten der Aufenthalt in Darmstadt begann, angebracht. (Darmstädter Echo, 9. Mai 1995)
  • die Quellenliste ist entnommen aus :  Digitales Archiv Hessen Darmstadt
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