Aufruf zur Mahnwache am 19.1.2015 in Heppenheim um 18h „für Glaubens- und Religionsfreiheit – gegen Hass und Gewalt“

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Die geplante Mahnwache „Für Glaubens- und Religionsfreiheit – gegen Hass und Gewalt“ stößt offenbar auf breite Resonanz. An der Veranstaltung am Montag (19.) am Martin-Buber-Denkmal in Heppenheim, zu der die Kirchen und Religionsgemeinschaften im Kreis Bergstraße aufgerufen haben, werden auch viele Vertreter aus Politik und Gesellschaft teilnehmen.

Statue von Martin Buber in HeppenheimNach den Terroranschlägen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris wollen die Kirchen und Religionsgemeinschaften ein Zeichen setzen, wie sie in einer Presseankündigung mitteilen. In einer gemeinsamen Erklärung, die bei der Mahnwache verlesen wird, heißt es unter anderem: „Wir stehen gemeinsam auf gegen Terror und Fanatismus. Wir wollen gemeinsam verhindern, dass die Saat der Gewalt aufgeht“.

 Martin Buber:                                                                                                                                                                                   Alle Menschen haben Zugang zu Gott, aber jeder einen andern.                                                                                       Der Zweifel gehört zur echten Fruchtbarkeit, man muß durch                                                                                              ihn hindurch, es geht kein anderer Weg als dieser gefahrvolle                                                                                             in die große Gewißheit. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Zu den Unterzeichnern der Erklärung gehören die Evangelischen Dekanate Bergstraße und Ried, die Katholischen Dekanate Bergstraße, die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde in Bensheim, der Jüdische Religions- und Kulturvereins Schalom in Viernheim, das Martin-Buber-Haus in Heppenheim, der Synagogen-Verein in Auerbach, der Christlich-Islamische Dialog im Kreis Bergstraße, die Moschee Anas Ibn Malik in Heppenheim, die Bosniakische Kulturgemeinschaft Dzemat in Darmstadt sowie die Türkisch Islamischen Gemeinden in Fürth Viernheim und Wahlen.

Termin
Die Mahnwache am Montag (19.) beginnt um 18 Uhr am Martin-Buber-Denkmal in Heppenheim (Ecke Graben/Kellereigasse).

Landrat, Bürgermeister und Abgeordneter dabeiUnterstützt wird die Erklärung unter anderem vom Bergsträßer Landrat Matthias Wilkes (CDU) und vom Vorsitzenden des DGB-Kreisverbandes Franz Beiwinkel, die ebenso an der Mahnwache teilnehmen wollen wie der Bürgermeister von Heppenheim, Rainer Burelbach (CDU) und der CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Bauer. Bei der Mahnwache wird ein Kondolenzbuch ausgelegt, das später mit den Eintragungen an die französische Botschaft in Berlin geschickt werden soll.

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lesen Sie auch: Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler,  im Gespräch mit der FAZ „Mit Mahnwachen bekämpft man den Islamismus nicht“

Auszug So etwas wie die Mahnwache …………….ist eine schöne, wichtige Geste. Es ist gut, der Mehrheitsgesellschaft zu sagen: Bitte pauschalisiert nicht. Nicht alle Muslime sind Salafisten oder Extremisten. Aber dadurch bekämpft man nicht den Islamismus. Es wird gar nicht thematisiert, was das für Argumente sind, die es erlauben, einfach unschuldige Menschen zu töten. Wir müssen endlich einen innerislamischen theologischen Diskurs führen. Im Kern müssen wir vor allem darüber sprechen, wie mit Nicht-Muslimen umgegangen werden soll, das heißt auch über die These, dass Gott auch im Jenseits noch ewige Gewalt gegen Nicht-Muslime ausüben wird. Aber es gibt diesen Diskurs noch nicht.
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Der Vorsitzende der Piratenpartei zu den Terroranschlägen in Paris
Zum Terroranschlag auf die französische Satire-Zeitschrift ›Charlie Hebdo‹ in Paris erklärt der Bundesvorsitzende der Piratenpartei, Stefan Körner:

»Die Morde von Paris schockieren und erfüllen uns mit tiefer Trauer. Unser Mitgefühl gilt den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden. Der feige Terrorakt ist ein Angriff auf die Pressefreiheit und damit auf eine der Grundsäulen unserer Demokratie. Wir sind solidarisch mit allen, die Meinungs-, Kunst- und Religionsfreiheit verteidigen. Wir werden uns diese Freiheiten nicht nehmen lassen.

Der Angriff auf die Redaktion des Magazins ›Charlie Hebdo‹ ist kein Angriff ›des Islam‹ auf ›den Westen‹, sondern ein Terrorakt von Fanatikern auf alle freiheitsliebenden Menschen gleich welcher Herkunft und welchen religiösen Bekenntnisses. Wer dieses Ereignis zum Anlass nimmt, pauschal gegen Ausländer oder Muslime Stimmung zu machen, wer gegen Vielfalt und Respekt auf die Straße geht, ist Teil des Hasses und damit Teil des Problems.«

https://www.piratenpartei.de/2015/01/07/zum-terroranschlag-von-paris-unsere-trauer-gilt-den-opfern-unsere-solidaritaet-allen-die-fuer-meinungs-und-pressefreiheit-streiten/

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Obama: Muslime sind in Europa nicht genügend integriert

Nach den Anschlägen von Paris hat US-Präsident Barack Obama die europäischen Staaten zu einer besseren Integration der muslimischen Minderheiten ermahnt. Anders als in den USA fühlten sich Muslime in Europa oft nicht als vollwertige Staatsbürger, sagte Obama am Freitag nach einem Treffen mit dem britischen Premierminister David Cameron in Washington. Beide Politiker bekräftigten zugleich ihre Entschlossenheit im Kampf gegen islamistische Bedrohungen.

„Unser größter Vorteil ist, dass unsere muslimische Bevölkerung sich als Amerikaner fühlt“, sagte der US-Präsident. „Es gibt Teile von Europa, in denen das nicht der Fall ist, und das ist wahrscheinlich die größte Gefahr, der Europa gegenübersteht.“ Obama rief die europäischen Staaten auf, das Problem des Islamismus nicht „mit dem Hammer“ zu lösen und auf mehr Polizei zu setzen, sondern die Muslime stärker zu integrieren.

http://www.stern.de/politik/ausland/barack-obama-fordert-bessere-integration-von-muslimen-in-europa-2166923.html

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Nein ich bin nicht Charlie! postet der Rapper Sadiq am 10.1.2015 auf face book

Ich bin nicht Charly

Sondern das gestohlene besetzte Palästina…
Ich bin das zerstörte Gaza…
Ich bin das abgeschlachtete bombardierte Syrien…
Ich bin das hungernde massakrierte Afrika…
Ich bin das zerteilte Kurdistan…
Ich bin das eroberte Tschetschenien…
Ich bin das vergessene Burma…
Ich bin das besetzte Afghanistan…
Ich bin das unterdrückte Ägypten…
Ich bin das mit Uran bombardierte Irak…
Ich bin das zersplitterte Lybien…
Ich bin das belagerte Yarmouk und Daraa Flüchtlingslager…
Ich bin das gefolterte und vergessene Guantanamo…

Ich bin die über 1,5 Millionen toten Muslime die in den letzten 15 Jahren durch die blutige Hand der Westmächte getötet wurden…

Ich bin nicht der islamfeindliche Charlie, der meine Religion, meinen Qur’an und meinen Propheten (Frieden und Segen auf ihm) beleidigt…

Ich bin Muslim Alhamdulillah!

https://www.facebook.com/SadiQoffiziell

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Die Wahrnehmung des Islam in Deutschland

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Der Islam ist heute die zweitgrößte Religion in Deutschland und durch Moscheen wie auch andere religiöse Symbole in der Öffentlichkeit präsent. Zugleich ist sein Bild in weiten Teilen der Bevölkerung ungewöhnlich negativ geprägt. Diese Ablehnung lässt sich in einer zunehmend pluralistischen und multireligiösen Gesellschaft nicht als Randerscheinung abtun. Vielmehr werden damit zentrale Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts aufgeworfen.

Die vorliegende Publikation untersucht vor diesem Hintergrund die besonderen Facetten des Islambildes und die Wahrnehmung der Muslime hierzulande. Die Autoren Kai Hafez und Sabrina Schmidt setzen sich intensiv mit dem Einfluss von Stereotypen auseinander und analysieren die Entstehungsursachen der verbreiteten Islamfeindlichkeit. Dabei gehen sie auch dem Zusammenhang zwischen politischer Einstellung, sozialem Hintergrund sowie persönlichen Kontakten und dem Islambild nach. Das Buch möchte Vorurteilsstrukturen aufbrechen und Argumente für eine unvoreingenommene Begegnung und sachorientierte Auseinandersetzung liefern.

http://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/die-wahrnehmung-des-islams-in-deutschland/

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21. Jahrhundert: Erstarken der Islamfeindlichkeit
Die Anschläge vom 11. September 2001 wurden zum Ausgangspunkt einer neuen Welle der Islamfeindlichkeit: Sie wurden als Angriff auf westliche Werte wie Freiheit und Fortschritt verstanden und als Legitimation zum Kampf gegen den weltweiten Islamismus herangezogen. Gleichzeitig kam es zu einer Identifikation von Muslimen mit islamistischen Terroristen.

Obwohl die Stereotype und Bilder aus diesem Diskurs an Bedeutung gewonnen hatten, standen sie bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nicht im Zentrum öffentlicher und politischer Wahrnehmung. Die Irak-, Jugoslawien- und Tschetschenienkriege waren stark ethnisch und politisch dominiert, Religion spielte nicht notwendigerweise eine dominante Rolle. Dies änderte sich mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Die Attacken islamistischer Terroristen schufen nicht nur ein Bewusstsein für die Existenz eines religiös motivierten Terrorismus. Sie boten in der Folge auch den Rahmen für einen Diskurs, in dem dieser Terrorismus, der Islam und die Muslime weltweit gleichgesetzt oder zumindest in eine große ideologische Nähe zueinander gesetzt wurden. Tendenzen dazu hatte es schon früher gegeben,[26] aber erst durch die enorme mediale Wirkung der Anschläge von 2001 gelangten diese Interpretationsmuster ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Die Terroranschläge dienten nicht nur als Legitimation für Militäreinsätze gegen vermeintlich oder tatsächlich islamistische Regimes und Terrorgruppen in der Welt. Sie boten über die Identifikation des Islams mit dem Terrorismus auch die Grundlage für einen islamfeindlichen Diskurs in den westlichen Staaten, der sich um die nationalen Minderheiten drehte. [27]

Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in Westeuropa wandten sich Muslimen als neuem Feindbild zu und forderten ihre Entfernung aus der Gesellschaft, während ihnen in den 1990er Jahren noch Asylbewerber und Wirtschaftsflüchtlinge als zu bekämpfende Übel gegolten hatten. Der islamfeindliche Diskurs hielt aber auch in die etablierte Politik und in die Mainstream-Medien Nordamerikas, Australiens und Europas Einzug. So wurde die Frage nach der Vereinbarkeit des Islams und damit der Muslime mit den Grundsätzen westlicher Gesellschaften gestellt. Über Minderheiten wurde nicht länger als Albaner, Marokkaner oder Pakistanis gesprochen, sondern als Muslime. Die Darstellung islamisch geprägter Länder als unterentwickelt, das Bild des Islam als antiliberale Ideologie und die Vorstellung von Muslimen als tendenziell reaktionär, homophob und frauenfeindlich eingestellten Menschen dominierte in den Medien. Muslime wurden als potentielle Terroristen gesehen und etwa im Flugverkehr verschärften Sicherheitskontrollen unterworfen. Die Mohammed-Karikaturen führten 2005 zu gewalttätigen Ausbrüchen seitens muslimischer Gruppen, die von westlichen Medien mehrheitlich als Ausdruck eines Angriffs auf Meinungs- und Religionsfreiheit aufgefasst wurde. Die Islamfeindlichkeit beschränkte sich nach 2001 nicht nur auf Wortäußerungen, es kam zu Schändungen von Moscheen, Morden wie dem an Marwa El-Sherbini oder den Anschlägen von Anders Behring Breivik, der die „Islamisierung Europas“ als Grund für seine Taten angab. Die Opfer solcher Angriffe waren nicht nur Muslime, sondern auch Menschen, die für solche gehalten wurden, etwa Sikhs in Großbritannien. Dessen ungeachtet ist Islamfeindlichkeit weiterhin in allen Teilen der europäischen Gesellschaften verbreitet,[28] beispielsweise auch im Tourismus, wobei Reisende bei Aufenthalten in islamischen Ländern neben einer exotistischen Haltung durchaus auch islamfeindliche Positionen einnehmen.[29]

aus : http://de.wikipedia.org/wiki/Islamfeindlichkeit

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Verwundert über Pegida?

Manche Beobachter in Deutschland blicken mit etwas Verachtung auf die rechtspopulistische österreichische Partei, die lautstark und in aller Deutlichkeit mit Slogans wie ‚Daham statt Islam‘ skandiert und wiegt sich in Sicherheit, dass in einem post-nationalsozialistischen Deutschland die Geschichte sich nicht wiederholen würde. Aber vermutlich ist genau der Umstand, dass die Islamophobie in Deutschland in erster Linie nicht im rechtsextremen oder rechtspopulistischen Spektrum begann, sondern eben in der Dominanzgesellschaft, ein Hinweis auf diese Blindheit gegenüber einem anti-muslimischen Rassismus, der im Bereich der Sicherheitspolitik wie auch in Gesetzgebungen etwa im Bereich der Bildung institutionalisiert wurde.
Eine Reihe an Studien im Jahr 2014 verdeutlichte die Verbreitung islamophober Ideologeme. Daran sind nicht die NPD oder die Pro-Parteien schuld. Das ist das Ergebnis eines hegemonialen Diskurses, der von AkteurInnen der Dominanzgesellschaft verbreitet wird.

http://www.islamiq.de/2015/01/01/verwundert-ueber-pegida/

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Fischer am rechten Rand…ein Verantaltungshinweis
Montag, 9. Februar 2015 19:30 Uhr
AFD & Pegida

– Fischer vom rechten Rand

Stadthalle Bad Hersfeld, Bad Hersfeld

u.a. Vortrag des Publizisten & Rechtsextremismus-Experten Volkmar Wölk (Dresden)
anschließend Podiumsdiskussion mit Dr. Michael Koch (CDU, Landratskandidat), Torsten Warnecke (Mdl Hessen, SPD) Kerstin Köditz (Mdl Sachsen, Linke) Madeleine Henfling (Mdl Thüringen, B’90 / GRÜNE)
Moderation: Timo Schadt (Monatsmagazin printzip)

Veranstalter: Ausländerbeirat Bad Hersfeld, DGB Bad Hersfeld-Rotenburg Runder Tisch für Demokratie, gegen Rechtsextremismus HersfeId-Rotenburg

Der Eintritt ist frei.

»   Programm

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Mannheimer Erklärung“

Die Stadt Mannheim ist in ihrer über 400-jährigen Geschichte überwiegend geprägt von einem Geist der Offenheit und Toleranz. Immer wieder wurden Migrantinnen und Migranten – darunter auch zahlreiche Glaubensflüchtlinge – zu überzeugten und die Stadt prägenden Mannheimerinnen und Mannheimern. Diese gerade vor dem Hintergrund von Phasen der Intoleranz und des Kulturbruchs auch in unserer Stadt verpflichtende und Orientierung gebende Traditionslinie gilt es zu bewahren und fortzuschreiben.

Das Zusammenleben in unserer städtischen Gemeinschaft bedarf der Pflege, der Fürsorge, des Engagements aller gesellschaftlichen Kräfte und des zielgerichteten Handelns der politischen Gemeinde. Die Stadt Mannheim hat als eines von sieben strategischen Zielen formuliert: „Toleranz bewahren, zusammen leben – Mannheim ist Vorbild für das Zusammenleben in Metropolen.“

Die Unterzeichner dieser Erklärung wollen einen Beitrag leisten für ein menschliches, offenes und solidarisches Stadtklima. Sie wollen im Sinne einer freien und konstruktiven Partnerschaft zusammenwirken, um eine funktionierende Stadtgemeinschaft auf der Basis unserer Verfassung zu gewährleisten.

Wir wollen den gegenseitigen Austausch. In offenen Gesprächen, die intensiviert und verstetigt werden sollen, gilt es, das Verbindende zu suchen und Trennendes, wo notwendig, anzusprechen und möglichst zu überwinden.

Meinungsverschiedenheiten aufgrund unterschiedlicher politischer Grundeinstellungen, unterschiedlicher kultureller Herkunft und unterschiedlicher Auffassungen in Glaubensfragen werden im offenen Gespräch, dem sich niemand verschließt, erörtert.

Von keinem der Unterzeichner wird akzeptiert, wenn in Mannheim Menschen wegen ihrer Herkunft und ihres Glaubens herabgewürdigt und angegriffen werden. Auf unseren schärfsten Widerspruch trifft erst recht jeder Aufruf zu Gewalt.

Den Geist der Offenheit, der Toleranz und der Verständigung wollen wir gemeinsam bewahren.

Unterzeichnende der Mannheimer Erklärung; Stand 05.12.2014
  1. Afrika-Fondation Mannheim e.V.
  2. AKTIV Unternehmerverein Rhein-Neckar e.V.
  3. Albanischer Kulturverein DARDANIA
  4. Alevitisches Kulturzentrum
  5. Arabische Schule
  6. Arbeiterwohlfahrt (Kreisverband Mannheim)
  7. Barockschloss Mannheim
  8. Betriebsrat John Deere, Mannheim
  9. Bezirksverband Bildender Künstler MA-HD e.V.
  10. BIOTOPIA Arbeitsförderungsbetriebe Mannheim gGmbH
  11. Bündnis 90/ Die Grünen, Kreisverband Mannheim
  12. Comites Mannheim (Komitee der Italiener im Ausland)
  13. Föderation der Vereine Türkischer Elternbeiräte in Baden e.V.
  14. Der Paritätische (Kreisverband Mannheim)
  15. Deutsch-Albanisch Islamischer e.V.
  16. Deutsch-Israelische Gesellschaft Rhein-Neckar, Mannheim
  17. Deutsch-Spanische Gesellschaft Rhein-Neckar e.V.
  18. Deutsch-Türkisches Wirtschaftszentrum
  19. DGB Region Rhein-Neckar
  20. DIE LINKE, Kreisverband Mannheim
  21. DITIB – Türkisch-Islamische Gemeinde zu Mannheim e.V.
  22. Drogenverein Mannheim e.V., Fachstelle für illegale Drogen
  23. Eberhard-Gothein-Schule
  24. EPASA-CNA (Italienische Handwerksgewerkschaft)
  25. Familien- und Bildungszentrum Mannheim/ Gesellschaft d. Friedens
  26. Fanclub VfR Mannheim
  27. Förderkreis Treffpunkt Neckarstadt-Ost e.V.
  28. Freie Hochschule Mannheim
  29. Freie Waldorfschule Mannheim
  30. Freie Wähler Mannheimer Liste e.V.
  31. Freireligiöse Landesgemeinde Baden
  32. Gehörlosen-Verein Mannheim e.V.
  33. Geistiger Rat der Baha’i in Mannheim e. V.
  34. Gesamtpersonalrat der Stadt Mannheim
  35. Geschäftsführender Schulleiter der Grund- und Sonderschulen
  36. Geschäftsführender Schulleiter der Haupt- und Realschulen
  37. Gesellschaft der Freunde Mannheims e.V.
  38. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit
  39. Ghana Union Mannheim und Ludwigshafen e.V.
  40. Goethe-Institut Mannheim-Heidelberg
  41. HdBA – Staatlich anerkannte Fachhochschule für Arbeitsmarktmanagement
  42. H. W. + J. Hector Stiftung
  43. Hans-Müller-Wiedemann-Schule
  44. Heinrich-Vetter-Stiftung
  45. Hochschule Mannheim – University of Applied Science
  46. IGMG – Islamische Gemeinschaft Milli Görüs
  47. IHK Rhein-Neckar
  48. Institut für deutsche Sprache
  49. Institut Glücksspiel & Abhängigkeit
  50. Interessengemeinschaft Käfertaler Vereine
  51. Interkulturelles Bildungszentrum gGmbH
  52. Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg
  53. InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH
  54. Islamischer Arbeiterverein e.V. (Al-Faruq Omar Center)
  55. Islamisches Kulturzentrum Bosnien und Herzegovina
  56. Italienische Evangelisch-Christliche Kirche in Mannheim e.V.
  57. Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium
  58. Johanna-Geissmar-Gymnasium
  59. Johannes-Kepler-Werkrealschule
  60. Jüdische Gemeinde Mannheim
  61. Karl-Friedrich-Gymnasium
  62. Klaus Tschira Stiftung gGmbH
  63. Klub Neue Zeiten e.V.
  64. Kroatische Kulturgesellschaft Mannheim e.V.
  65. KulturNetz Mannheim-Rhein-Neckar e.V.
  66. Kurdisches Kulturzentrum e.V.
  67. Kurdisches Volkshaus Mannheim e.V.
  68. Kurpfälzer Sängerkreis e.V.
  69. Kurpfalz-Gymnasium
  70. LGM Luftfahrt GmbH Flugschule & Flugservice – City Airport
  71. Mannheimer Abendakademie und Volkshochschule GmbH
  72. Mannheimer Bläserphilharmonie e.V.
  73. Mannheimer Frauenhaus e.V.
  74. Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog e.V.
  75. Mannheimer Kunstverein e.V.
  76. Mannheimer Lions Clubs
  77. Mannheimer Migrationsbeirat
  78. Menschen helfen Menschen e.V.
  79. Michael Schlecht; MdB
  80. NTM Nationaltheater Mannheim
  81. Orientalische Musikakademie Mannheim e.V.
  82. Pro Social Business e.V.
  83. PRO Waldhof e.V.
  84. Popakademie Baden-Württemberg
  85. SIETAR Deutschland e.V.
  86. Sokrates-Loge Kurpfalz e.V. Mannheim im Deutschen Druiden-Orden VAOD
  87. Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), KV Mannheim
  88. Spanisches Kultur- und Erholungszentrum e.V.
  89. Sportkreis Mannheim e.V.
  90. Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim
  91. Stadtjugendring Mannheim e.V.
  92. SV Waldhof Mannheim 07 e.V.
  93. Ulrike und Dr. Axel Weber Stiftung
  94. Universität Mannheim
  95. Universitätsmedizin Mannheim (Mannheimer Klinikum GmbH)
  96. VDK Sozialverband; Kreisverband Mannheim
  97. Verband binationaler Familien und Partnerschaften
  98. Verband Deutscher Sinti & Roma; Landesverband BaWü
  99. Verband türkischer Unternehmer Rhein-Neckar e.V.
  100. Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V.
  101. Vermietungsgenossenschaft Ludwig Frank e.G.
  102. Verein der Europäischen Unionsbürger Mannheim e.V.
  103. Verein für Rasenspiele e.V.
https://www.mannheim.de/buerger-sein/mannheimer-erklaerung-zum-geist-offenheit-toleranz-und-verstaendigung#erklaerung

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Migration nach und aus Südhessen, eine lange Geschichte
Migration in Südhessen

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Eine Religion der Nächstenliebe und Barmherzigkeit
Der Islam ist mir von meinen Eltern und in der Moscheegemeinde als eine Religion der Nächstenliebe und Barmherzigkeit vermittelt worden. Selbst wenn für Rache und Töten Legitimation im Koran zu finden wäre: Mir käme es nicht in den Sinn, Menschen zu töten, auch wenn ich tausend Gründe dafür fände, die das rechtfertigten.
Mein Menschenverstand sagt mir, dass ich kein Recht dazu habe, darüber zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht. Was unterscheidet mich von denen, die sich zu Richtern machen? Warum sind diese Menschen so verroht, dass sie im Namen Allahs zur Waffe greifen? Wer stachelt sie auf? Und warum tun die geistigen Brandstifter das? Wer also profitiert von den Gräueln der angeblichen Muslime?

Wieder mehr Fragen als Antworten! Es müssen Kräfte sein, die nicht wollen, dass wir – Muslime, Christen, Juden und Atheisten – in Frieden miteinander leben; es müssen Kräfte sein, die den Kampf der Kulturen/Religionen wollen, warum auch immer…

Die Journalistin Cana Topcu in ihrem Aufsatz                              Ich distanziere mich nicht als Muslim sondern als Mensch

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Jürgen Todenhöfer, Feinbild Islam
 

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In “Feindbild Islam – Thesen gegen den Hass” bezieht Jürgen Todenhöfer Stellung zum “muslimischen Terrorismus” und zum “Anti-Islamismus” unserer Tage. Sein Fazit: Auch diesen Terrorismus werden wir nur überwinden, wenn wir seine tieferen Ursachen beseitigen. Und die liegen vor allem in der menschenverachtenden Art, mit der der Westen seit langem mit dem Islam umgeht. Erst wenn wir die muslimische Welt genauso fair behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen, werden wir die Gewalt terroristischer Minderheiten überwinden.
Zehn Jahre 9/11. Jürgen Todenhöfer zieht die Bilanz von 50 Jahren Reisen in die muslimische Welt und zehn Jahren falscher westlicher Reaktionen auf die Herausforderungen 9/11.
http://juergentodenhoefer.de/buecher/
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Gewalt in der Bibel

Individuelle und soziale Aggression, staatliche, nationale und internationale Machtausübung, strukturelle und kulturelle Gewaltprozesse bestimmen alle Bereiche des menschlichen Daseins mit: so auch die Religion. Auch in der in etwa 1500 Jahren entstandenen Sammlung biblischer Schriften findet man eine große Anzahl von Texten, in denen Gewalttaten, Gewalterfahrungen, Gewaltfantasien und Reflexionen über Gewalt als menschliches Grundproblem, aber auch rechtliche Gewaltbegrenzung, Hoffnungen auf Gewaltüberwindung und Alternativen zu Gewaltlösungen vorkommen.

Die neuzeitliche Unterscheidung von privater und öffentlicher Gewalt spielt in der Bibel jedoch nur bedingt eine Rolle. Zentral ist dort vielmehr

  • die Unterscheidung und Beziehung von göttlicher und menschlicher Gewaltausübung,
  • die Unterscheidung von rechtmäßiger und unrechtmäßiger Gewalt,
  • das Ziel der Überwindung aller lebensfeindlichen Mächte, deren Gewalt Gottes Geschöpfe ausgesetzt sind, durch Gott selbst.

Wie sich Gottes Gewalt zu der des Menschen verhält, zieht sich als theologisches Grundproblem durch die ganze Bibel. Gott will die menschliche Gewalt „richten“, begrenzen und dem Schutz allen Lebens, verstanden als Recht des Schöpfers auf seine Schöpfung, einordnen. Zugleich aber erscheint Gewalt damit als integraler Bestandteil des biblischen Gottesbildes. Dies wird besonders dort zu einem praktischen Problem, wo an die Bibel als Heilige Schrift geglaubt und ihre Texte deshalb normativ für gegenwärtiges Handeln herangezogen werden. Sie dienten oft dazu, gewaltsames Handeln zu rechtfertigen, seltener dazu, es zu kritisieren und zurückzudrängen. Auch wo Gottes Gewalt von der der Menschen unterschieden und ihr entgegengesetzt wird, wird Gottes Handeln oft in Gewaltbildern beschrieben, die von Aufklärung und Humanismus geprägte Menschen ablehnen und zur Bibelkritik herausfordern.

Traditionelle theologische Antworten wie die Trennung eines gewalttätigen Schöpfers von einem gewaltlosen Erlöser (Marcion), die allegorische Umdeutung von biblischen Gewalttexten, Thesen eines allmählichen sittlichen „Fortschritts“ in der Bibel oder die Ablösung einer Gewaltethik des Alten durch eine Liebesethik des Neuen Testaments haben sich als exegetisch unhaltbar und in ihrer historischen Wirkung fatal erwiesen. Sie werden daher heute in der universitären Theologie überwiegend zurückgewiesen.

quelle und mehr:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gewalt_in_der_Bibel

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Salafistische Radikalisierung – und was man dagegen tun kann

22.10.2014

Hunderte vor allem junge Männer haben sich aus Deutschland aufgemacht, um für die islamischen Terroristen der ISIS zu kämpfen. Wie wurden diese Menschen zu Radikalen? Wie können Angehörige Radikalisierung erkennen? Und wie sollte man ihr entgegnen? Ein Praxisbericht von Ahmad Mansour.

Radikalisierung – und was man dagegen tun kann

Paul und Mehmet – Brüder im Geiste

Der Autor ist Mitarbeiter bei der Beratungsstelle Hayat. Er hat über 100 Fälle von islamischer Radikalisierung begleitet. Die hier genannten „Paul“ und „Mehmet“ sind rein fiktive Personen, die veranschaulichen sollen, wie Radikalisierungsprozesse verlaufen können.

Mehmet ist 19 Jahre alt, der Älteste von vier Geschwistern. Seine Großeltern kamen 1969 aus der Türkei nach Deutschland. Seitdem lebt seine Familie in Neukölln, eher traditionell als religiös. An seinen Vater erinnert er sich kaum noch, er starb, als Mehmet noch in die Grundschule ging. Während seiner Kindheit machte sich Mehmets Mutter oft Sorgen um ihn; er war sehr nervös und litt an einem Waschzwang – es gab Monate, in denen er seine Hände über hundert Mal pro Tag wusch. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Industriekaufmann an einer Berufsschule in Berlin. Bis vor einigen Monaten verbrachte er einen Großteil seiner Zeit im Fitnessstudio. Beinah schon obsessiv beschäftigte er sich mit Bodybuilding, Ernährung und Fettanteilen. Mehmet wurde sein Aussehen immer wichtiger. Bilder von sich als Beweise des Fortschritts – Fotos von ihm in enganliegenden T-Shirts – postete er häufig im Netz. Diese Disziplin zeigte sich auch in seinen schulischen Leistungen. Mehmet war ein guter Auszubildender, der immer die besten Noten in den Prüfungen bekam, und seine Stimme war häufig in Seminaren zu hören. Als Mehmet seine große Liebe verlor, weil er sie immer wieder kontrollierte und extrem eifersüchtig war, brach seine Welt zusammen. Nachdem er alles versucht hatte, um die Beziehung zu retten und nichts half, fing er an zu beten. Langsam entstand bei ihm der Wunsch, sein Wissen über den Islam zu vertiefen; er wollte Arabisch lernen, sich über den Koran informieren. So fing Mehmet an, häufiger in die Moschee zu gehen. Dort lernte er einen Salafisten kennen. Er zeigte großes Interesse an Mehmet, lobte ihn wegen seiner schulischen Fähigkeiten, lud ihn oft zum Essen ein. Viele Jungs versammelte der Salafist um sich, er erzählte ihnen und Mehmet wie mächtig Allah sei und was die gläubigen Muslime im Paradies erwarte, und was den Ungläubigen in der Hölle widerfahren werde. Er erzählte von wissenschaftlichen Wundern aus dem Koran und von der Schönheit des Islam. Den Jungs erklärte er auch, wie die Welt funktioniere, wie die Medien von den Juden manipuliert würden um den Islam schlecht darzustellen, wie die Muslime überall in die Welt bekämpft und unterdrückt würden. Er warnte die Jungs vor den Übeln der deutschen Gesellschaft; vor dem gierigen, selbstsüchtigen Kapitalismus, der nur zu Depression und Einsamkeit führe, vor Alkohol und Drogen, und vor allem vor den verführenden, unreinen, unverschleierten Frauen. Mehmet vergaß seine Freundin und entdeckte den Islam. Seine Mutter war irgendwie stolz als sie sah, wir ihr Sohn „religiös“ wurde und ein so großes Interesse an seiner Herkunft zeigte.

Paul ist als Einzelkind in Berlin-Schöneweide groß geworden, mit einem arbeitslosen Vater und einer Mutter, die als Einzelhandelskauffrau an der Kasse eines Supermarktes arbeitet. Paul ist jetzt 20 Jahre alt und hat gerade seine Ausbildung zum Eventmanager abgebrochen. In der Kündigung schrieb er, dass diese Arbeit gegen seinen Glauben sei, da er um kein Geld der Welt Unzucht und Alkoholkonsum unterstützen wolle. Paul ist ein molliger, zurückgezogener Junge, seine Freizeit verbringt er mit Onlinespielen, er geht wenig aus und hatte Freunde bisher kaum. Bei den Onlinespielen mag er besonders die Spiele, in denen es um Kämpfen und Schießen geht. Auch offline geht er keinem Konflikt aus dem Weg, seine Aggression entzündet sich sekundenschnell – so kam er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Gewalt kennt Paul aus seiner Familie sehr gut. Sein Vater, der seine Arbeit vor 15 Jahren verlor, reagierte immer wieder mit der Faust, wenn aus der Nachbarschaft Beschwerden kamen, weil Paul schon wieder die Nachbarin beleidigt hatte oder wenn die Polizei Paul wieder nach Hause brachte. Auch auf schlechte Noten reagierte der Vater mit Schreien und Beleidigungen. Die Eltern waren überfordert und machten sich große Sorgen um ihr Kind. Als Paul 15 Jahre alt war, lernte er ein paar rechtsradikale Jungs aus dem Jugendzentrum im Kiez kennen. Mit denen war er oft unterwegs, sie haben „Türken“ beschimpft, rechte Musik gehört, sich nationalistisch tätowieren lassen, bis seine Mutter ihm verbot sich mit dieser Gruppe zu treffen. Auch mit Mädchen hatte er kein Glück. Den Islam entdeckte er in der Oberschule, der freundliche Umgang und die freundlichen Gespräche mit seinen muslimischen Mitschülern faszinierten ihn. Immer häufiger traf er sich mit ihnen, stellte Fragen nach ihrer Religion, interessierte sich und suchte auf Facebook und YouTube nach Antworten. Schnell landete er bei salafistischen Predigern und schaute nächtelang Videos über den Tod, die wahre Religion, über die Verdorbenheit des Westens und seinen moralischen Zerfall, über die Lügen der Medien und den Kampf gegen den Islam. Langsam begann er auf Veranstaltungen zu gehen, besuchte Open-Air-Ansprachen von Pierre Vogel und Co., traf sich mit Freunden und fühlte sich endlich angekommen. Endlich glücklich. Vor einem Jahr sammelte er allen Mut der Welt und meldete sich beim Organisator einer Veranstaltung in Berlin-Neukölln, er wolle konvertieren. Er zitterte, als er auf die Bühne kam, konnte kaum Luft holen, mit größter Mühe sprach er die zwei Sätze nach: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“ Danach fühlte er sich wie befreit. Hunderte bejubelten ihn, er fühlte sich glücklich und fing an zu weinen. Als Mehmet in der Moschee Paul traf und seine Leidenschaft für den Islam spürte, schämte er sich. „Ein Deutscher, der den Islam seit einem Jahr kennt, lebt die Religion noch besser als ich.“ Seitdem sind beide gute Freunde geworden. Die Jungs bewundern sich gegenseitig: Paul, der Deutsche, der den Islam annimmt und diszipliniert ausübt; Mehmet, der Zugang zur islamischen Kultur eröffnet, dazu klug und groß ist – und auf den andere Jugendliche achten. Paul ist oft beim Mehmet zu Hause. Sie beten und essen gemeinsam und missionieren zusammen auf der Straße. Ihr Ziel ist es, jedem Menschen in diesem Land die Botschaft des Islam zu bringen. Sie tun das als selbst ernannte „Sozialarbeiter“ in Neukölln, in der Moschee, beim Fußball Spielen, indem sie den Koran verteidigen und auf Facebook. Dort teilen sie Bilder und Videos, schreiben Kommentare, posten Aufrufe für Demos, Spenden und Veranstaltungen und weisen ab und zu die Ungläubigen zurecht. Ungläubig gelten den Salafisten – einer fundamentalistischen Strömung im sunnitischen Islam – alle, die ihrer radikalen Meinung nicht folgen wollen. Polizei, Medien, Christen, Juden, Amerikaner, Erdogan-Anhänger, Assads Regime, Schiiten, Alewiten, und Muslime, die ihre Religion nicht ernst nehmen: das sind alles die Feinde des Islam, ihre Feinde, und gegen die müssen sie etwas unternehmen.

* *

Seit Monaten sind die radikalen Islamisten wieder ganz oben in den Nachrichten. Die militärische, islamistische Vereinigung ISIS kämpft mit wachsendem Erfolg für einen Gottesstaat in Syrien und dem Irak. Für die Meisten von uns ist dies ein Thema aus dem märchenhaften Orient, „das mit dem Nahen Osten“ ist doch ganz weit weg.Doch dies ist ein Trugschluss. Auch Paul und Mehmet, zwei Berliner Jungs aus meinem Kiez, sind begeisterte ISIS-Anhänger. Sie verfolgen den Verlauf der Kämpfe, posten und teilen Bilder und Videos von den Kämpfern an der Front, äußern sich online wütend gegen die Eingriffe des Westens und spielen sogar mit dem Gedanken, sich dieser Gruppe in Syrien bald anzuschließen.

Die Debatte um den Umgang mit radikalen Rückkehrern aus Syrien, der feige Anschlag auf eine jüdische Synagoge in Brüssel und eben Paul und Mehmet bringen das Thema bis vor unsere Haustür. Die laut Angaben des Verfassungsschutzes bislang 400[1] Ausreiser, die das sichere Deutschland verlassen haben, um in Syrien zu kämpfen, die Tausenden, die davon träumen, und die zehntausenden Sympathisanten zeigen, wie gewaltig das Problem in Deutschland ist.

Die Frage der Rückkehrer als potentielle Sicherheitsbedrohung in Europa wird in letzter Zeit sehr oft thematisiert. Aber die meisten Ausreiser, nach Syrien oder in den Irak gehen, haben mit dieser Gesellschaft schon abgeschlossen. Sie gehen, um dort in ihrer Vorstellung ehrenhaft zu sterben, für Allah, für das Paradies – sie haben gar nicht vor, zurückzukommen! Und die, die zurückkommen – das sind laut Verfassungsschutz momentan ca. 120 Menschen[2] – bringen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit. Die eine Gruppe ist von ihren Kriegserfahrungen hochtraumatisiert und muss in der Psychiatrie oder zumindest in Psychotherapie behandelt werden. Dann gibt es auch die jungen Männer, die sich wichtig machen wollen. Sie sind für ein paar Wochen nach Syrien oder in den Irak gereist, um sich mit einer Kalaschnikow fotografieren zu lassen und die Bilder auf Facebook zu posten. Die dritte Gruppe kommt zurück, um hier zu rekrutieren und vielleicht auch Gewalt in Europa auszuüben: Das sind die gefährlichen Ideologen. Und sie sind auch nicht bereit, mit mir oder mit den Sicherheitsbehörden zu sprechen.

Aber viel gefährlicher und viel bedeutender als all diese Rückkehrer sind junge Menschen wie Paul und Mehmet, die hier in Deutschland geblieben sind, die die Werte dieser Gesellschaft ablehnen und die ihren Jihad hierzulande führen wollen. Doch die Gesellschaft scheint mit Jugendlichen wie ihnen überfordert. Wie erreichen wir Paul und Mehmet und ihresgleichen, bevor sie mit unserer Gesellschaft abschließen – oder bevor wir sie an einen brutalen Krieg verlieren?

Wieso radikalisieren sich junge Menschen?

Wenn wir effektive Konzepte entwickeln wollen, müssen wir uns grundsätzlich und ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, wieso sich junge Menschen radikalisieren.

Radikalisierung ist ein Prozess: es passiert nicht von heute auf morgen und auch nicht ohne unterschiedliche, manchmal komplexe Umstände. Dieser Prozess fängt häufig mit Entfremdung – einem psychischen Zustand – an. Die Jugendlichen sind unglücklich oder unzufrieden in ihrem Leben, sie haben oft wenige soziale Kontakte oder kein starkes soziales Umfeld; vielleicht haben sie auch einen gescheiterten Übergang von Schule zum Berufsleben erlebt oder sie haben eine frustrierende, erfolglose Suche nach einem Ausbildungsplatz hinter sich. Bei muslimischen Jugendlichen kann es sein, dass sie Diskriminierungserfahrungen gemacht haben: Vielleicht bekamen sie das Gefühl, dass ihre Religion und Herkunft mit Vorurteilen betrachtet wurden. Aber wir reden hier nicht ausschließlich von muslimischen Jugendlichen oder Jugendlichen mit familiären Einwanderungsgeschichten. Bei allen Jugendlichen (muslimisch oder nichtmuslimisch, Jungs oder Mädchen), die in der Gesellschaft nicht angekommen sind, oder die das Gefühl bekommen, dass sie irgendwie nicht dazu gehören, gilt: kommen zu diesen Gefühlen instabile Persönlichkeitsstrukturen, entwickelt sich ein Zeitfenster von 1-2 Jahren, in dem sie für eine Radikalisierung sehr anfällig sind. Aus mehreren Gründen kommt der Salafismus – eine fundamentalistische Strömung des Islam – bei diesen Jugendlichen sehr gut an. Das ist besonders der Fall unter den Jugendlichen, denen die Vaterfigur fehlt. Unabhängig davon, ob der Vater die Familie verlassen hat, ob er tot ist oder ob er sich selber in der Gesellschaft nicht zurechtfindet, die Salafisten füllen diese Lücke mit ihrer patriarchalen Ideologie und ihrem strafenden Gott.

Der Salafismus bietet Jugendlichen vor allem eine Identität an. Sie treten aus der schwierigen, postglobalen Welt in ein geregeltes, strukturiertes Umfeld ein und bekommen dort Sinn, Orientierung und eine Mission. Sie finden auch Freunde, Gemeinschaft, Zusammenhalt; endlich gehören sie zu einer Gruppe. Die Gruppe wird für sie eine Art Jugendkultur: es gibt einen Kleidungsstil, besondere Symbole, bestimmte YouTube-Kanäle und Facebook-Seiten und eine eigene Sprache, die die Salafisten aus sich immer wiederholenden Worten bilden: Subhanahallah, Mashaallah, Yaani, Heuchler, Achi… Der Salafismus erfüllt auch das Bedürfnis der Jugendlichen nach Information und Wissen. Er nimmt viele Unsicherheiten ab, indem er „Wahrheit“ und Autorität anbietet (obwohl die meisten in Deutschland lebenden Salafisten keine religiöse Ausbildung gemacht haben und nur ein oberflächliches Argumentationsmuster kennen). In diesen Gruppierungen müssen sich die Jugendlichen nicht mehr fragen, was sie anziehen sollen, wie sie sich gegenüber dem anderen Geschlecht verhalten sollen, wie ihr Lebensentwurf aussehen soll. Sie bekommen das Bewusstsein, auf dem „richtigen Weg“ zu sein. Dazu bekommen sie die Möglichkeit zu Protest und Provokation gegen die Eltern oder gegen die Mehrheitsgesellschaft sowie die Chance, sich an einem „Kampf für Gerechtigkeit“ zu beteiligen: „Die Muslime werden in Deutschland und weltweit unterdrückt; man muss sich dagegen wehren“. So lautet die salafistische Propaganda. Sie bekommen das Gefühl, dass sie missionieren müssen, um andere Menschen vor ihrem elenden Leben zu retten. Und für Jugendliche, die vorher vielleicht ihren Platz in dieser Gesellschaft nicht gefunden haben, ist das eine extrem attraktive Aufgabe.

Auch sehr anziehend ist die märchenhafte Welt, der die Jugendlichen durch den Salafismus begegnen: Engel, Dämonen (mit allerlei überirdischen Gaben), Hölle, Himmel, betörende Schilderungen des Paradieses – diese Welt wirkt auf manche Jugendlichen faszinierend.

Propaganda

Die Propaganda für den Salafismus ist raffiniert, weit verbreitet und im Internet fest verankert. Ganz leicht stoßen die Jugendliche auf hochemotionalisierende Inhalte, zugespitzte Botschaften, islamistische Kriegspropaganda. Sie sehen verstörende Videos, in denen wehrlose Kinder in muslimischen Ländern abgeschlachtet werden, und sie bekommen einen sehr einseitigen, pauschalisierten Eindruck von Konflikten, die immer auf einen Kampf der Ungläubigen gegen die Muslime reduziert werden. Diese Schwarz-Weiß-Welt, in der es immer klare Opfer und Feinde gibt, ist für die Jugendlichen deutlich zugänglicher als die komplexe, teilweise widersprüchliche Politik, über die in den Nachrichten berichtet wird.

Andere Videos sind nicht so emotionalisierend, aber genauso effektiv. Einige sind von Stil und Graphik her Videospielen sehr ähnlich – ein Format, mit dem viele Jugendliche vertraut sind. Damit wird der Krieg in Syrien und dem Irak als Abenteuer verkauft: Waffen, Adrenalin, Kriegsrausch. Andere Filme sollen zeigen, wie in Syrien und dem Irak nur nach der Scharia in einer Art Utopie-Gesellschaft gelebt wird, so dass man nur unter Muslimen – nur unter den Gläubigen – lebt, mit islamischen Restaurants, Apotheken, Kindergärten.

Offline treten die Jugendlichen mit islamistischen Predigern in Kontakt. Dies sind oft sehr charismatische Menschen, die sich für die Jugendlichen viel Zeit nehmen und sich zum Beispiel als Sozialarbeiter ausgeben. Sie nehmen die Jugendlichen ernst, reden mit ihnen über den Krieg und die Lage im Nahen Osten (ein Thema, was in der Schule kaum vorkommt) und sprechen vom Bürgerkrieg in Syrien als dem Endkampf zwischen Muslimen und Ungläubigen, einer Art Endzeitkrieg, aus dem die Muslime als Sieger hervorgehen werden.

Innerislamische Debatte

Um Radikalisierung effektiv zu bekämpfen, muss sich die muslimische Community aktiv in der Debatte engagieren und sich dabei ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob einige Inhalte, die im Mainstream-Islamverständnis vorhanden sind, die radikale Ideologie begünstigen. Ausgrenzung, Entfremdung, die Pflege der Opferrolle, Aufwertung der eigenen Anhänger und Abwertung aller anderen, die Behauptung, die absolute und einzige Wahrheit zu besitzen, das Verbot, Aussagen zu hinterfragen, die Ablehnung neuer zeitgemäßer oder wissenschaftlicher Islaminterpretationen, die Tabuisierung der Sexualität, eine einschüchternde Pädagogik, die die Angst vor der Hölle über alles setzt, der Anspruch, auf alles eine Antwort zu haben und das Leben des Propheten buchstäblich nachahmen zu müssen – das alles sind Aspekte, die bei den Jugendlichen sehr gut ankommen. Der Salafismus bietet ihnen scheinbare Sicherheit durch eine glasklare Unterscheidung zwischen richtig und falsch. Was die Sache schwierig und zugleich dringlich macht: Es geht hier um Aspekte, die in manchen Fällen zentrale Bestandteile des Islamverständnisses eines „Normal-Muslims“ sind. Kontroll-orientierte Erziehungsmethoden, die auf Kollektivität und Respekt vor Autorität abzielen, wirken hier als Verstärker und begründen die Anfälligkeit von Jugendlichen für die Argumentationen der Salafisten. Mit ihren klaren Verhaltensvorgaben geben sie Halt und erleichtern scheinbar das Leben. Um radikale Strömungen einzudämmen, brauchen wir eine neue und ernsthafte innerislamische Debatte über solche Inhalte, um Alternativen zu schaffen und die Jugendlichen von Angst und Schuldgefühle zu befreien und ihnen zu ermöglichen, ihre Religion moderner und demokratischer leben zu können.

Wie kann eine wirksame Präventionsarbeit aussehen?

Eine effektive Präventionsarbeit ist eine gesamtgesellschaftliche, langfristige Aufgabe. Besonders in letzter Zeit wird das Thema der radikalisierten Jugendlichen gerne als Themenbereich für die Sicherheitsbehörden gesehen. Es muss sichergestellt werden, dass radikalisierte Jugendliche keine Sicherheitsbedrohung für die Menschen in diesem Land darstellen; viel pragmatischer wäre es aber, die Jugendlichen vor der Radikalisierung zu schützen.

Um diese Aufgabe zu leisten, ist der Aufbau von kommunalen Netzwerken sehr wichtig. Der Reiz an der Radikalisierung liegt vor allem im Kontakt mit der (radikalen) Gruppe. Daher brauchen wir starke Netzwerke von Eltern, lokalen Akteuren aus der Schule, Sozial- und Jugendarbeit, aus Polizei und Politik, die einen direkten Zugang zu den Communities haben – sie müssen unbedingt über Radikalisierung informiert und sensibilisiert werden. Sie sollten befähigt werden, selbstständig beratend aktiv zu werden, die „Symptome“ zu erkennen und vor einer möglichen Radikalisierung zu schützen. Gemeinsam können sie dann Strategien und Methoden entwickeln, die zu den Jugendlichen in ihren Milieus passen.

Bei dieser Sensibilisierung ist wichtig zu betonen, dass islamistische Einstellungen selten erst durch gewalttätiges Verhalten auffallen. Die Tendenzen sind oft sehr früh im Alltagsverhalten zu sehen: wenn der betreffende Jugendliche sich beispielsweise anders kleidet, sich nicht mehr für Musik und TV-Serien interessiert, sondern sich intensiv mit Online-Foren und YouTube-Videos beschäftigt, iIhm religiöse Symbole plötzlich sehr wichtig werden. Er will vielleicht keine Geschenke mehr an Weihnachten bekommen oder sich nicht mehr an anderen, nicht islamischen Traditionen beteiligen. Anderen Jugendlichen gegenüber verhält er sich auch anders: im Unterricht zieht er sich zurück, er möchte nicht mehr mit Mädchen ohne Kopftuch reden, gibt der Lehrerin nicht mehr die Hand. Vielleicht wirkt er müde, da er nachts aufgestanden ist um zu beten. Seine Argumentationsmuster ändern sich, er hat eine fehlende Ambiguitätstoleranz, zeigt eine wachsende Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien, äußert sich aggressiv gegen Andersgläubige, Christen, Juden und Muslime, die ihre Religion liberal leben.

Unverzichtbar ist es auch, dass die Jugendlichen in ihrem Alltag so oft wie möglich gefordert sind, kritisch zu denken und zu hinterfragen. Debattierklubs und Rollenspiele – ob an der Schule oder im Jugendzentrum – bewegen die Jugendlichen dazu, andere Perspektiven zu betrachten, vielfältige Möglichkeiten zu erkennen. Dies ist bei der Präventionsarbeit absolut notwendig, denn wer einmal gelernt hat eine eigene Position zu hinterfragen, ist weitaus besser immunisiert gegen Extremisten, die blinde Nachfolge und bloßes Nachbeten verlangen.

Ein wichtiger Teil der Präventionsarbeit wäre auch, Jugendlichen verlässliche muslimische Vorbilder anzubieten, die ihre Religion anders ausleben und mit den Radikalen nichts gemeinsam haben. Um Ausreisen bereits radikalisierter Jugendlicher zu verhindern, wäre es in manchen Fällen hilfreich, auch punktuell mit Imamen zusammenzuarbeiten.

Kämpfen um Jede_n: die individuelle Betrachtung jedes Falles

Um effektive Präventionsarbeit zu leisten, darf man den Fokus auf das Individuum nie verlieren. Bei jedem Jugendlichen sieht die Radikalisierung anders aus und ihre persönlichen Geschichten und Umstände sollten immer berücksichtigt werden. Die Jugendlichen dürfen nicht nur auf ihre Kultur reduziert werden und nicht auf ihre Tradition oder Religion, sondern sie müssen individuell wahrgenommen und behandelt werden.

Jugendliche sollen sich auch mit ihren individuellen religiösen und kulturellen Hintergründen akzeptiert und anerkannt fühlen. Zu oft ist die Rede von „Ausländern” und „muslimischen Jugendlichen”, obwohl viele muslimisch geprägte Jugendliche die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen und in diesem Land geboren sind. Wenn immer wieder von „wir und ihr“ die Rede ist, von „den Anderen“, dann ist es kein Wunder, dass diese Anderen eine Identität suchen, die ganz anders als das „Wir“ ist, und die dieses „Wir“ auch abwertet. Wir Menschen in Deutschland müssen endlich inklusiver reden, denn diese Jugendlichen – und ihre Probleme – sind Teil unserer Gesellschaft. Wir müssen auch Räume schaffen, in denen Jugendliche frei und auf Augenhöhe diskutieren können, ohne Angst vor Abwertung. Nur dann werden sie in der Lage sein, sich emotional und intensiv mit schwierigen, teilweise tabuisierten Themen wie dem Islamismus gemeinsam auseinanderzusetzen. In solchen Konstellationen können die Jugendlichen ihre eigenen Einstellungen zum Thema revidieren und gemeinsam bestimmte gesellschaftliche Strukturen hinterfragen, um dann auch ihre Meinungen zu äußern. Es darf keinesfalls sein, dass Jugendliche nur bei radikalen Salafisten das Gefühl bekommen, ernstgenommen zu werden.

Auch das Aufarbeiten der Familiengeschichte muss viel stärker in den Fokus rücken, wenn Jugendliche mit Eltern oder anderen Verwandten groß werden, die hochtraumatisiert aus Konfliktgebieten nach Deutschland gekommen sind und diese Traumata bewusst oder unbewusst an ihre Kinder weitergeben. Ein solches Trauma lässt sich von den Salafisten sehr leicht instrumentalisieren. Deshalb bedarf es einer intensiven Beschäftigung mit den Biographien solcher Jugendlicher und mit ihren Bedürfnissen. Sie sollten die Möglichkeit, Platz und Raum bekommen, ihre Geschichte zu erzählen. Die Beschäftigung mit der Herkunft und den Familiengeschichten dieser Jugendlichen und ihrer Eltern ist ein Ausdruck der Anerkennung und des Interesses.

Auf Elternarbeit sollte das Augenmerk verstärkt gerichtet werden – vor allem mit Müttern. In diesem Bereich haben wir bei Hayat in Berlin schon viele positive Erfahrungen mit unterschiedlichen Müttergruppen gemacht. Nach unseren Erfahrungen sind sie sehr offen für diese Arbeit, aber es muss erst mal eine Vertrauensebene geschaffen werden. Nur dann kann man sich über so wichtige und ein wenig intime Themen wie Kommunikation in der Familie, Erziehungsmethoden und die Entwicklung der Kinder ehrlich und produktiv austauschen.

Außerdem sollte in unseren Schulen deutlich mehr über unsere demokratischen Werte diskutiert werden. Unsere Schulen sind extrem leistungsorientiert, man konzentriert sich auf Mathematik, Englisch, Grammatik – und weniger darauf, die Philosophie und Werte dieser Gesellschaft zu vermitteln. Diese ideologische Lücke nutzen die Salafisten gut aus. Prävention bedeutet auch, in diesem Punkt aktiver zu werden: die Jugendlichen für unsere Werte sensibilisieren und eine gewisse Begeisterung für den demokratischen Gedanken schaffen.

Deradikalisierung

Da jeder Radikalisierungsprozess anders ist und seine eigenen begleitenden Umstände und Ursachen hat, kann es bei der Deradikalisierung auch keine fallübergreifende Vorgehensweise geben, sondern jeder Fall, jede Familie, jede Person muss individuell behandelt und betrachtet werden.

Das Ziel der Deradikalisierungsarbeit ist es, im Idealfall eine Person dazu zu bewegen, extremistische Denk- und Handlungsweisen aufzugeben. Häufiger geht es darum, weitere Radikalisierungstendenzen zu verhindern. Besonders wichtig ist, dass die betroffene Person dahin kommt, Gewalt als mögliche Methode zur Durchsetzung ihrer Ziele abzulehnen. Zu der Arbeit gehört auch, dass der radikalisierten Person Alternativen angeboten werden.

Radikalisierung können auf drei Wirkungsebenen aufgeschlüsselt werden: affektiv, pragmatisch und ideologisch. Bei der ideologischen Komponente ist es wichtig, dass die Theorie und Rechtfertigung für extremistisches Verhalten sowie die Narrative und der Deutungsrahmen, die dahinter stecken, entkräftet werden. Die Person soll mit Alternativen und kritischen Fragen konfrontiert werden, damit die Einschränkungen bzw. Widersprüche und Doppelmoral der islamistischen Ideologie deutlich werden.

Beim pragmatischen Aspekt geht es darum, der Person Ausstiegsmöglichkeiten aus dem radikalisierten Umfeld anzubieten. Gerade bei salafistischen Gruppierungen kann dies besonders schwierig sein, da die Ideologie so eng mit sozialer Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft und ihren Werten verbunden ist. Bei dem pragmatischen Aspekt ist das Ziel auch, extremistische Handlungen und den Einsatz von Gewalt einzudämmen. Es ist hier allerdings nicht zu vergessen, dass ein Verzicht auf Gewalt nicht gleich bedeutet, dass die Person sich kritisch mit der Ideologie auseinandergesetzt hat, bzw. sich wirklich aus dem Extremismus zurückzieht. Der affektive Aspekt betrifft die emotionale Unterstützung der Person und die Schaffung einer alternativen Bezugsgruppe, die der radikalen affektiven Struktur der Person entgegengesetzt ist. Die Beratung und Ermutigung von Angehörigen spielt dabei eine zentrale Rolle. Sehr wichtig bei diesem Aspekt ist, dass die betroffene Person positiv und emotional erreicht wird – und dass ihr klar gemacht wird, dass nicht sie als Person sondern ihre Ideologie von den Angehörigen abgelehnt wird.

Die Beratungsstelle Hayat

Kehren wir zu Paul und Mehmet zurück: beide Jungen leben noch bei ihren Familien und gehen abends nach den Demos, der „Missionierung“ und den Moschee-Besuchen immer nach Hause. Mehmet fängt jetzt an, seine Mutter als „Ungläubige“ zu bezeichnen, weil sie sich weigert eine Burka zu tragen und den Islam nicht nach seinem Wunsch lebt. Auch mit seinen jüngeren Geschwistern gerät er häufig in Konflikte, da er sie immer mehr mit seinen Vorschriften kontrollieren will. Seine Mutter fühlt sich nicht mehr stolz, sondern verunsichert und beleidigt. Pauls Eltern bemerkten die Probleme viel früher. Ihr Sohn kleidet sich plötzlich komplett anders, verbringt die Zeit Zuhause ausschließlich damit, sich YouTube-Videos anzuschauen – die aggressiven Stimmen der Prediger und die ungewohnten Töne der Musik bekommen sie jede Nacht mit, wenn sie im Bett liegen. Verzweifelt sind sowohl Pauls als auch Mehemts Eltern. Sie wollen ihre Söhne nicht verlieren, brauchen dringend Unterstützung und suchen im Internet nach Hilfe.

Seit 2012 gibt es in Deutschland die Beratungsstelle Hayat (Teil des Beratungsnetzwerks des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge). Rund um die Uhr bietet die Stelle ein kostenloses, mehrsprachiges (Deutsch, Türkisch, Arabisch, Englisch) und auf Wunsch anonymes Hilfsangebot für Angehörige von einem Team von ausgewiesenen Islamismus-Experten. Die Beratungsstelle ist an das Zentrum für Demokratische Kultur (ZDK) angegliedert, welches zu dieser Arbeit langjährige Erfahrungen und Methoden aus dem Rechts-Aussteiger-Programm „EXIT“ mitbringt.

Bei Hayat wird anerkannt, dass Angehörige ein zentrale Rolle in einer erfolgreichen Deradikalisierung spielen können: sie sind in der Lage eine Radikalisierung frühzeitig zu erkennen (Aussehen, soziales Verhalten, Internetaktivitäten), ein weiteres Abdriften ihres Familienmitglieds in den Extremismus zu verhindern oder als Bindeglied zurück in die Gesellschaft zu fungieren. Ziel der Angehörigenberatung ist es, familiäre Verhältnisse aufrecht zu erhalten und zu verstärken, um ein Unterstützungsumfeld um die sich radikalisierende Person herum zu schaffen. Durch langfristige Beratung wird dann versucht, das soziale Umfeld zu stärken, die Kommunikation innerhalb der Familie zu verbessern und dem bzw._der Radikalisierten – durch emotional nahestehende Menschen – Alternativen anzubieten.

Wenn jemand bei der Hotline anruft, ist die erste Aufgabe der Berater sicherzustellen, ob es sich tatsächlich um eine Radikalisierung, oder einfach um einen Glaubenswechsel handelt. Die Berater müssen in der Lage sein, zwischen freier Religionsausübung und eventuell sicherheitsrelevanter Radikalisierung unterscheiden zu können. Dieses Wissen wird durch intensive Netzwerk-Arbeit erworben: Um die Bedeutung von bestimmten Moscheen, Gruppen und Symbolen erkennen und einordnen zu können, ist ein vielfältiges, zuverlässiges Netzwerk eine Notwendigkeit. Manchmal gehört hierzu, Facebook-Seiten, Veröffentlichungen oder Argumentationen eng zu folgen, um sicher zu stellen, ob es sich tatsächlich um eine Radikalisierung handelt. Auch sehr wichtig, um mögliche Deradikalisierungsarbeit zu leisten, sind Partner vor Ort (Schulen, Behörden, Familienberatungsstellen), die in den Beratungsprozess miteinbezogen werden können. In manchen Fällen ist die Aufgabe der Beratungsstelle nicht, Deradikalisierungsarbeit zu leisten, sondern einfach Angehörige zu beruhigen und Verständnis für die religiöse/spirituelle Entscheidung einer Person zu schaffen.

Über die Klärung der tatsächlichen Radikalisierung hinaus muss herausgefunden werden, warum die radikale Gruppe für diese Person attraktiv ist, welche Motivationen dahinter stecken. An dieser Stelle ist es auch wichtig, dass eventuelle Konflikte innerhalb der Familie geklärt werden und – falls notwendig – eine Wiederherstellung einer Bindung zwischen Angehörigen und der betroffenen Person erfolgt. Hierfür ist es nötig, dass die Bedürfnisse der radikalisierten Person beachtet werden. Wenn es sich z.B. um eine Konversion handelt, sollten Informationen zum Islam an die Familie vermittelt werden. An dieser Stelle soll betont werden, dass die Beratung bei Hayat zuallererst auf die Angehörigen ausgerichtet ist, um Deradikalisierung bei den Betroffenen zu erreichen; auch wenn die Möglichkeit besteht, dass sich eine Ausstiegsberatung für die radikalisierte Person selbst daraus entwickelt.

Der Beratungsprozess selbst fängt mit einem individuellen Gespräch zwischen dem Berater und der ratsuchenden Person an, in dem die möglichen Motivationen für die Radikalisierung diskutiert werden und auch die Ziele, Fragen und Bedürfnisse der ratsuchenden Person geklärt werden. Dann wird ein Plan zusammen erarbeitet: die nächsten notwendigen Schritte werden aufgezeigt und in einen realistischen Zeitrahmen eingefügt. Aufgabe der Berater_innen ist es, während der nächsten Schritte mögliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen oder es zu erleichtern, diese zu überwinden. Konkret heißt das, dass sie für die Angehörigen vertraute Ansprechpartner_innen werden – sie unterstützen oder begleiten die Angehörigen bei Behördengängen, sie vermitteln rechtliche Informationen, sie geben familienorientierte Beratung in Sachen Sicherheitsrelevanz, sie vermitteln staatliche oder psychologische Hilfe, sie vermitteln an weitere Institutionen und Familienberatungsstellen, eventuell auch an das Jugendamt. Die Beratung folgt bei jedem Einzelfall dessen eigener Schrittfolge und Tempo.

Seit dem Start seiner Tätigkeit hat Hayat fast 100 Beratungsfälle aufgenommen. Die Hilfesuchenden wurden oft durch Freunde und Bekannte auf die Stelle aufmerksam gemacht, suchten im Internet nach Beratungsangeboten oder sind durch Medienberichte auf Hayat gestoßen. Oft sind es die Mütter oder weibliche Familienmitglieder, die uns aufsuchen. Die Mehrzahl der Radikalisierten ist zwischen 18 und 24 Jahre alt, davon ist ungefähr ein Drittel weiblich.

In der Mehrzahl der Fälle zeigte sich eine weit fortgeschrittene Radikalisierung mit Anbindung an gewaltbereite salafistische Netzwerke und in vielen Fällen war eine Ausreise geplant oder bereits erfolgt. Mit Ausnahme von wenigen Fällen liegt der Erfolg der Beratungsarbeit bisher in der Beruhigung der ursprünglich sehr konfliktgeladenen Situation, der Wiederherstellung der Kommunikation innerhalb der Familie und mit dem Umfeld und einer damit einhergehenden Verlangsamung bis zum Stopp des Radikalisierungsprozesses.

Literatur

Dantschke, C., Mansour, A., Müller, J., & Serbest, Y. (2011). Ich lebe nur für Allah – Argumente und Anziehungskraft des Salafismus. Berlin: ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur GmbH – Arbeitsstelle Islamismus und Ultranationalismus.

»Dantschke, Claudia/Köhler, Daniel: Angehörigenberatung und Deradikalisierung. Theoretische und praktische Implikationen sowie erster inhaltlicher Bericht über die Beratungsstelle Hayat, in: Journal EXIT-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur, Berlin, 01/2013.«

»Endres, Florian: Die Beratungsstelle „Radikalisierung“ im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Journal EXIT-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur, Berlin, 01/2014.«

 
Fußnoten
1.
»http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-09/deutsche-islamisten-syrien-verfassungsschutz«
2.
»http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Politik/d/5458608/die–durchgeknallten–gehen-nach-syrien-und-in-den-irak.html«
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Ahmad Mansour für bpb.de
http://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/193521/salafistische-radikalisierung-und-was-man-dagegen-tun-kann

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